Dokumentationsstätte
Konzentrationslager Hersbruck e.V.

Die Todesmärsche von Hersbruck nach Dachau

Die Route der Todesmärsche von Hersbruck nach Dachau mit den bei Lenz erwähnten Orten. Anfang April 1945 begann wegen der vorrückenden amerikanischen Streitkräfte die Evakuierung des Konzentrationslagers Hersbruck.

Am 7. April wurden etwa 1600 kranke Häftlinge in 30 offenen Güterwagons mit der Bahn Richtung Dachau transportiert. 1530 Häftlinge sind in Dachau eingetroffen, 70 starben unterwegs (Lenz, Faul).
In sogenannten Todesmärschen mussten die übrigen ca. 3360 Häftlinge in fünf Kolonnen zeitlich versetzt den etwa 150 Kilometer langen Weg nach Dachau zu Fuß zurücklegen. Die letzte Kolonne verließ am 14. April Hersbruck.

Bei den Todesmärschen gelang etwa 500 Häftlingen die Flucht, wie etwa Vittore Bocchetta. Etwa 350 Häftlinge wurden, zum größten Teil wegen Erschöpfung, unterwegs erschossen.

Oberscharführer Hans Friedrich Lenz, der Pfarrer war, gibt an, dass 2103 Häftlinge in Dachau ankamen. Unterwegs auf dem Marsch blieben in Saal a. d. Donau 400 Häftlinge, in Hainsacker 80 und in Schmidmühlen 600 zurück.

Nach einer von H.F. Lenz am 28. Oktober 1947 angefertigten Skizze gingen die Todesmärsche von Hersbruck über die Orte Lauterhofen, Kastl, Schmidmühlen, Kallmünz, Pielenhofen, Kehlheim, Saal, Abensberg, Mainburg, Au und Pfaffenhofen nach Dachau (überarbeitet 2019_02).

Zeitzeugenbericht von Ljubisa Letic:

„An einem Tag Anfang April mussten sich alle Häftlinge auf dem Appellplatz aufstellen. Die SS- Aufseher ließen uns über die Dolmetscher wissen, dass das Lager Hersbruck geräumt werden müsse. Die Lagerinsassen sollten nach Dachau verlegt werden. Diejenigen, die nicht laufen konnten, sollten mit einem Güterzug nach Dachau abtransportiert werden, die Gesunden sich am nächsten Tag zu Fuß auf den Weg machen.

Am nächsten Morgen marschierte eine lange Kolonne in Richtung Süden, mit dem Ziel Dachau. Unterwegs gab es nichts zu essen. Jeder schaute, wie er zurecht kam. Wir aßen Gras und als Fleisch gab es glitschige Schnecken, die wir mit dem Löffel aus dem Schneckenhaus zogen und lebendig verschlangen. Sie schmeckten ekelhaft, aber wir mussten es tun um einigermaßen bei Kräften zu bleiben.

Gelegenheit an etwas Essbares zu kommen, hatten wir nur, wenn die SS-Leute eine Rast einlegten. Sie hatten genügend Proviant, wir hatten nur Gras und Schnecken. Während einer Pause nahm ein Wächter aus seinem Rucksack eine Dose Vaseline zum Schmieren der Stiefel und warf sie weg. Ich schnappte die Dose und wischte sie mit den Fingern aus. Die SS-Leute lachten bloß darüber, mit welchem Appetit ich das Schmiermittel aß.

Der Fußmarsch verlangte von uns höchste Anstrengungen, die Strapazen waren enorm, viele in der Kolonne brachen einfach zusammen. Die SS-Leute schoben die Entkräfteten aus der Kolonne, erschossen sie auf der Stelle, und die Kolonne zog weiter.
Von Hersbruck marschierten wir drei volle Tage nach Schmidtmühlen. Hier trieben sie uns in eine riesige, leer stehende Scheune, in der viel Stroh und Heu lag. Um die Scheune herum befanden sich viele Gärten der Einheimischen, in denen schon einiges an Frühlingspflanzen angesät war. Die Masse hungriger Menschen hatte ziemlich schnell alles aus der Erde gerissen und aufgegessen. Die Gärten lagen wie leergefegt da.

Am nächsten Morgen kam eine Frau und wollte sich nach ihrem Garten umschauen. Aber da alles bloß noch nackte Erde war und sie uns in unseren gestreiften Anzügen sah, drehte sie sich um und rannte davon.

Einige Minuten später kam sie mit einem großen Eimer zurück, blieb hinter der Scheune stehen, um von den SS-Leuten nicht gesehen zu werden, und winkte mich zu sich. Ich folgte ihrem Wink, sie nahm den Deckel vom Wassereimer ab und ich sah so viele klein geschnittene Brotscheiben im Eimer, dass ich es kaum glauben konnte. Ich stopfte mir einige Brotstücke in meine Kleidung. Das sahen auch andere Gefangene und kamen schnell dazu. Sie entrissen der Frau den Eimer mit den Broten und dabei entstand ein ziemliches Durcheinander. Zehn Gefangene kämpften um die Brotstücke. Die Frau beobachtete die Szene irritiert, drehte sich um und ging.“
(Letic 2012, S.23)