Kerzen gegen das Vergessen

Gedenkentag an Opfer des Nationalsozialismus – Gottesdienst und Schweigezug

HERSBRUCK (mam) – Am 27. Januar erin­nerten sich wieder viele Christen aus Hersbruck und Umgebung der Gräueltaten und Opfer des Nationalsozialismus. Mit einem ökume­ni­schen Gottesdienst in der Hersbrucker Spitalkirche wurde die Gedenkfeier begonnen. Besonders berührend war es, dass sich Sohn und Tochter sowie weitere Familienmitglieder von Odoardo Focherini aus Italien aufge­macht hatten, um bei dieser Gedenkfeier anwesend zu sein.
Odoardo war es, der sich in großem Engagement für verfolgte Juden einge­setzt hatte und damit seinerzeit über 100 Juden das Leben rettete. 1944 wurde er selbst verhaftet und kam über verschiedene Stationen ins KZ-Außenlager Hersbruck, wo er am 24. Dezember 1944 an einer unbe­han­delten Verletzung starb. 166 Briefe, die er während seiner Lagerhaft schrieb, gaben Auskunft über seine innere Haltung. Von Israels Yad Vashem wurde er bereits 1969 in die Schar der „Gerechten der Völker” aufge­nommen, 2013 sprach ihn die Katholische Kirche selig.

In seinen einlei­tenden Worten freute sich Pfarrer Thomas Wrensch ganz besonders, dass die Familie um Odoardo Focherini den Versuch zur Versöhnung und Wiedergutmachung annimmt. Handeln, wenn nötig, so wie es Focherini in 1942 getan hat, das war der Grundtenor der Veranstaltung. Die einfühlsame Feier in der Spitalkirche begann mit einem ruhigen- Orgelvortrag („Impressions” von Michael Schütz) von Andreas Ebert. Dazu trugen Sara Tess-lin, Holger Kramp und Johannes Aurnhammer Namen von Opfern in die Kirche, von Menschen aus ganz Europa, die im Januar 1945 im KZ und den Doggerstollen ihren Tod erleiden mussten.
Nach der litur­gi­schen Eröffnung durch Patrick Stephan und der Begrüßung von Thomas Wrensch, verlasen Ursula Clasen und Wunibald Forster die Biographie von Odoardo Focherini sowie Auszüge aus Foche-rinis Briefen. Nach einem gemeinsam gesun­genen Lied kam ein weiterer rührender Augenblick. Die Urenkelin Ginevra Focherini las, unter­stützt von Klaus Wiedemann, aus dem Seligenbild ihres Urgroßvaters.
Anschließend begab sich die versam­melte Gemeinde schweigend und mit ange­zün­deten Kerzen zur Bocchetta-Skulptur im Rosengarten — Ein eigen­ar­tiges Gefühl, wenn man in der sonst um diese Uhrzeit so leben­digen Am-berger Straße nur eine einsame Glocke der katho­li­schen Kirche und Schritte von vielen Menschen hört.
Am Straßenrand säumten Schüler mit Kerzen in den Händen den Weg. An der Bocchetta-Skulptur begrüßte Thomas Wrensch die Versammelten. Schüler der MIO und Dominik Dro-gat erin­nerten an Katastrophen und Ungerechtigkeiten in der heutigen Zeit und ermahnten die Zuhörer immer wieder mit dem Aufruf „Achtet auf Recht!”.
Gemeint sind die Rechte aller Menschen auf ein würdiges Leben sowie einen sorg­samen Umgang im täglichen Miteinander. Organisiert und gestaltet wurde die Gedenkfeier von der Stadt Hersbruck, den Hersbrucker Kirchen, dem Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck sowie Schülern aus Hersbruck und Happurg.
Erstmals waren auch die Christen aus der Neuapostolischen Kirchengemeinde Hersbruck der Einladung zum ökume­ni­schen Gottesdienst gefolgt.