“Mensch werden” – Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018 – Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus in der Spitalkirche Hersbruck mit Schweigemarsch zum Rosengarten

“Mensch werden” – das Thema der dies­jäh­rigen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus hat sein Echo in allen Beiträgen gefunden, die von einem viel­köp­figen Team verschie­dener Denominationen und Berufsgruppen vorbe­reitet worden waren, und bildete den roten Faden in einer außer­or­dentlich anspre­chend gestal­teten Gedenkfeier, die auch den Bezug zum Hier und Jetzt nicht vermissen ließ.

Die fehlende Nase der Heiligen Elisabeth in der Nische über dem Eingang zur Spitalkirche möchten in Hersbruck lebende Flüchtlinge repa­rieren lassen (wir berich­teten), um ihr wieder ein heiles und unver­sehrtes Gesicht zu geben. Diese Geschichte bildete einen kleinen Teil von Pfarrer Thomas Lichtenebers Predigt in der gut besetzten Spitalkirche und steht laut Lichteneber doch beispielhaft für die Sehnsucht allerMenschen, sich im Antlitz eines Gegenübers zu spiegeln und dadurch Mensch zu werden.

Keine Geschichtsstunde

Auch Gott suche immer wieder die Beziehung zum Menschen, indem er ihn bei seinem eigenen Namenriefe, wie es im Predigttext bei Jesaja hieß. Das Opfergedenken sei keine Geschichtsstunde, sondern ein Einüben in Achtsamkeit – auch im Wahrnehmen des Mitmenschen.

Im Gottesdienst zeigte Thomas Wrensch vom Dokuverein eine Lithographie des Künstlers Georg Hans Trapp, der auch im KZ Hersbruck inhaf­tiert war.

Namen spielten in der berüh­renden Gedenkfeier immer wieder eine Rolle. Wie Initiator Thomas Wrensch vom Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck betonte, ist ein Name oft das einzige, kleine Teilchen eines Menschen, das von den in Hersbruck gepei­nigten und verstor­benen Opfern des Nationalsozialismus geblieben sei – Menschen “wie du und ich”.

Bedrückende Aufzählung

Beispielhaft trugen Jochen Tetzlaff und zwei junge Frauen der evan­ge­li­schen Jugend beim Einzug in die Kirche einzelne Namen und ihre Nationalitäten vor, eine schlichte, bedrü­ckende und eindring­liche Aufzählung. Um diesen Namen etwas mehr “Gesicht” zu geben, erin­nerten Wrensch und Luise Treuheit an die Lebensläufe von Georg Hans Trapp und Jura Soyfer. Trapp über­lebte die Zeit im KZ und verar­beitete die knochen­bre­che­rische Arbeit im Steinbruch und andere trau­ma­tische Ereignisse in Kunstwerken – eine Lithografie hatte Wrensch in die Kirche mitgebracht.

Der Österreicher Jura Soyfer, poli­ti­scher Kabarettist, starb mit 26 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus. Seine zum Teil im Konzentrationslager entstan­denen Werke über­lebten und der Vortrag des “Dachau-Liedes” durch den jungen Tenor Maximilian Vogt beschwor das unbarm­herzige Dasein im KZ herauf. Soyfers “Lieddeseinfachen Menschen” trug Vogt anschließend als Gedicht vor: “. wir sind das schlecht entworf´ne Skizzenbild des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt…”. Die Zeilen zeigen Soyfers Zweifel an der Menschlichkeit unter dem NS-Regime schlechthin auf.

Ruhige Vivaldi-Sonaten mit Ruth Barkowski an der Orgel und Anne Barkowski am Cello schufen Pausen zum Nachdenken in einem inten­siven Programm. Zu den Fürbitten traten Landrat Armin Kroder, Bürgermeister Robert Ilg, Polizeichef Johann Meixner und Marianne Ermann ans Mikrofon. Sie schlugen den Bogen zu den Anliegen und Nöten der Jetztzeit. Zuvor hatte Wrensch Zweifel an der Abschiebung eines jungen Mannes geäußert, der hier im Landkreis seine kranken Eltern pflegt (wir berich­teten) und laut­starke Zustimmung aus dem Kirchenschiff bekommen.

Glocken läuteten

Im Anschluss an die kirch­liche Gedenkstunde pilgerten zum Läuten der Glocken rund 80 Menschen schweigend und mit Kerzen in den Händen von der Spitalkirchen zur Skulptur von Vittore Bocchetta im Rosengarten.Polizeibeamte sperrten den Kreisverkehr und die Amberger Straße ab und erläu­terten geduldig Passanten und Autofahrern den Anlass der Prozession. Zum Abschluss des Schweigemarsches begrüßte Thomas Wrensch im Rosengarten noch einen Ehrengast: Apostopolos Malamoussis, grie­chisch- ortho­doxer Erzpriester aus München, war extra ange­reist, um die Initiative von evan­ge­li­schen, katho­li­schen und metho­dis­ti­schen Christen, frei­kirch­licher Gemeinde und Neuapostolischer Kirche noch um eine Facette zu bereichern.

Text und Fotos: us von der “Hersbrucker Zeitung”