Kriegsende in Hersbruck: Was kam dann?

Einleitung zum Jahrestag am 8.5.2020  

Thomas Wrensch, Vorsitzender Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V.
Kriegsende vor 75 Jahren. Die Herrschaft der Nazis in Europa, in Deutschland und in Hersbruck ist zuende. Das Ende wurde von den Alliierten mili­tä­risch erzwungen. Hersbruck wurde an US Soldaten der 65th US Infantry Division über­geben. Die Stadt war befreit vom mörde­ri­schen Naziregime. Das KZ vor den Toren der Stadt war geräumt und aufgelöst. Die Menschen, so schildern es Zeitzeugen, ringen mit der Niederlage und der einge­trich­terten Furcht vor dem Feind. Noch mehr hoffen und sehnen sie sich nach Frieden. Was kommt jetzt?
Wir möchten an diese Zeit erinnern, an die Geschehnisse rund um das KZ, an die Erlebnisse und die Situation vieler Menschen vor Ort. Wir erinnern an die Opfer, die es bei den Alliierten, bei den Deutschen und den Nachbarn kostete. Der Neuanfang war auch in Hersbruck schmerzlich. Not und Elend waren vorherr­schend. Die Zeugen des über­wun­denen Systems waren weiter allge­gen­wärtig, baulich, in der Art und Weise des Zusammenlebens, in den Köpfen und Herzen. Den von der Nazizeit geprägten poli­ti­schen Anschauungen und Haltungen musste man mühsam auf die Spur kommen. Zaghaft konnten demo­kra­tische Strukturen gebildet werden und ein Gemeinwesen entstehen, das auf Recht, Mitwirkung und Menschenwürde basiert.

Wir wollen auf die Erinnerungsarbeit hinweisen, die mit der Setzung eines Gedenksteins 1983 wieder begann. Sie wird bis heute von Bürgerinnen und Bürgern in den Gewerkschaften und im Doku-Verein zusammen mit der Gedenkstätte KZ Flossenbürg und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten getragen. Dies geschah und geschieht selten ohne poli­tische Auseinandersetzung, häufig aber auch mit großer Zustimmung und Unterstützung durch Menschen aus Hersbruck und Umgebung. Heute leben die Menschen in Deutschland und vor Ort über­wiegend im demo­kra­ti­schen Miteinander. Unser Ziel ist es, keinen Menschen mehr auszu­grenzen. Das ist das Vermächtnis des Endes des Weltkriegs. Und die Aufgabe heute.

Ein Interview

mit Eckart Dietzfelbinger, Historiker

Wie hat die deutsche Gesellschaft auf den erzwun­genen Bruch mit natio­nal­so­zia­lis­ti­schem System und Handeln im Übergang zu demo­kra­ti­schen Strukturen reagiert?
Nach der Befreiung der Konzentrationslager durch die alli­ierten Streitkräfte sah sich die deutsche Bevölkerung mit den NS-Verbrechen konfron­tiert. Die über­wie­gende Mehrheit der Menschen verdrängte ein Nachdenken über Verantwortung und Schuld. Trauer und Sorge galten vor allem den eigenen Toten und Vermissten.
Die von den Siegermächten zur Beseitigung des Nationalsozialismus einge­leitete Entnazifizierung, die poli­tische Säuberung von Hitlers etwa 8,5 Millionen Parteigängern und Helfershelfern, wurde nur wenig akzep­tiert. Bis 1947/48 hatte mit dem aufzie­henden Kalten Krieg zwischen West und Ost das allge­meine Interesse daran schon stark nach­ge­lassen.
Am Wiederaufbau demo­kra­ti­scher Parteien auf Beschluss der Alliierten betei­ligten sich fast ausnahmslos Vertreter des ehema­ligen Weimarer Parteiensystems, die die Jahre des Nationalsozialismus teils im Exil, teils im Inland verbracht hatten.

Was waren die Maßnahmen und Faktoren, die zum Aufbau demo­kra­ti­scher Strukturen geführt haben?
Zu den erklärten Zielen der Siegermächte gehörte die straf­recht­liche Verfolgung der NS-Verbrechen und die Beseitigung des Nationalsozialismus (Entnazifizierung).
Unter Federführung der USA fand in Nürnberg vom November 1945 bis Oktober 1946 der Prozess des Internationalen Militärgerichtshofs gegen die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Hauptkriegsverbrecher statt (Nürnberger Prozess). Neben diesen Verfahren gab es weitere Kriegsverbrecher-Prozesse. So wurde die poli­tische NS-Elite ausge­schaltet und konnte keine Rolle mehr spielen.
Die west­lichen Siegermächte pflegten im Unterschied zur Sowjetunion ein plura­lis­ti­sches Demokratieverständnis. In den von ihnen kontrol­lierten Besatzungszonen schufen sie Strukturen für eine föde­rative verfas­sungs­staat­liche Demokratie. Bis 1947 grün­deten sie neue Länder als Verwaltungseinheiten und veran­lassten erste demo­kra­tische Wahlen. Für die poli­tische Bildungsarbeit (“Reeducation”) bauten sie Presse und Rundfunk neu auf und setzten auch kultu­relle Veranstaltungen (Theater, Film, Musik, Literatur) dafür ein.

Wie ist die Gesellschaft mit Tätern und deren Opfern umge­gangen?
In Westdeutschland blieben die NS-Verfolgtengruppen gesell­schaftlich ausge­grenzt, insbe­sondere Kommunisten, Sinti und Roma, Homosexuelle, und Menschen, die als “Asoziale” oder “Kriminelle” in die KZ verschleppt worden waren. Sie erlitten oft lebenslang beruf­liche Benachteiligungen und Verbote. Antisemitische Vorstellungen waren noch 1949 weit verbreitet.
Die Kirchen sahen sich aufgrund ihrer natio­nal­kon­ser­va­tiven Gesinnung zur Freilassung von verur­teilten NS-Kriegsverbrechern verpflichtet. Sie erreichten, unter­stützt von zahl­reichen Politikern, deren nahezu voll­ständige Freilassung und gesell­schaft­liche Rehabilitierung.
Im Sog des Kalten Krieges und dem neu aufge­legten Antikommunismus als einer wirkungs­mäch­tigen ideo­lo­gi­schen Kontinuitätslinie machte die Gesellschaft in Westdeutschland den “Großen Frieden mit den Tätern” (R. Giordano). Die Verabschiedung der drei Straffreiheitsgesetze 1949 bis 1954 garan­tierte in verschie­denen Bereichen der staat­lichen Verwaltung, insbe­sondere in der Justiz, hoch gradige perso­nelle Kontinuität früherer Nationalsozialisten und NSDAP-Mitglieder. Die frühere Parteimitgliedschaft wurde geradezu eine Voraussetzung für die Einstellung in den öffent­lichen Dienst.
So gelang den meisten Tätern die unauf­fällige Rückkehr in ein bürger­liches Leben, ohne für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden.

Was können wir aus diesen Entwicklungen in der Nachkriegssituation lernen?
Die Befreiung von der NS-Herrschaft, die Bestrafung der NS-Führung durch die Siegermächte und die Besetzung des Westens von Deutschland durch demo­kra­tische Staaten war für die Konstitution der 1949 gegrün­deten Bundesrepublik Deutschland und ihrer Entwicklung zu einer funk­ti­ons­tüch­tigen parla­men­ta­ri­schen Demokratie von zentraler Bedeutung. Ihr poli­ti­sches Selbstverständnis in all seinen Wandlungen stand und steht bis heute in einem engen Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit. Für die Bewahrung der Demokratie und der im Grundgesetz fest­ge­schrie­benen huma­nis­ti­schen Werteordnung bleibt dieses Bewusstsein und seine Erhaltung im poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Leben unver­zichtbar. Der gegen­wärtige Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus verdeut­lichen das Gefährdungspotenzial.

Das Kriegsende in Hersbruck und der Beginn einer neuen Zeit

von Christoph Maier
Als vor 75 Jahren die ameri­ka­ni­schen Truppen in Hersbruck einmar­schierten, war das nicht nur das Ende des Krieges, sondern auch der Beginn einer neuen Zeit. Krieg, Flucht und Vertreibung bestimmten in den vergan­genen Jahren unsere Nachrichten, im Deutschland der Nachkriegszeit aber das tägliche Leben. Angesichts der Corona-Krise sind nun plötzlich auch Begriffe wie “Hamstern” und “Ausgangsbeschränkung” keine Worte mehr aus einer fernen Zeit, sondern tages­ak­tuell. Eine erstaun­liche regionale Parallele zu damals ist auch der wach­sende Wunsch, die Natur und damit die Lebensgrundlage der Menschen besser zu schützen. Dass der Natur- und Landschaftsschutz inmitten der enormen Herausforderungen des Neuaufbaus von Land und Gesellschaft eine so hohe Gewichtung erfahren hatte, war das Verdienst von Michael Roiger. Der wurde wenige Monate nach Kriegsende Landrat im Kreis Hersbruck und prägte in diesem Amt die Region nach­haltig. Als der Krieg im April 1945 auch in Bayern Schneisen der Vernichtung durch das Land zog, blieben die östlich von Nürnberg gele­genen Städte Lauf und Hersbruck weit­gehend verschont. Das war großes Glück, denn eigentlich war diesen im blutigen Endkampf des unter­ge­henden NS-Regimes die Rolle von Eckpfeilern in der Verteidigung Nürnbergs zuge­dacht gewesen. Doch da die von Würzburg kommende US-Army sehr schnell durch die Fränkische Schweiz vorrückte, fand die geschlagene deutsche Wehrmacht keine Gelegenheit mehr, entlang der Pegnitz eine Verteidigungslinie aufzu­bauen. Die Amerikaner hatten bereits am 15. April Lauf besetzt und drangen tags darauf vom Sittenbachtal kommend in Hersbruck ein. Doch ihre Panzerspitze zog sich noch einmal zurück, um einen vom Truppenübungsplatz Grafenwöhr aus vorge­tra­genen Gegenangriff abzu­wehren. Ein zusam­men­ge­wür­feltes und mit alten Übungspanzern ausge­stat­tetes letztes Aufgebot stieß über Velden in Richtung Autobahn vor, um in den Endkampf um Nürnberg einzu­greifen. Doch diese Einheiten waren chan­cenlos und wurden geschlagen. Dabei zahlten auch die Dörfer um den Hohenstein und die Stadt Velden einen hohen Preis und wurden stark zerstört. Die im Raum Hersbruck verblie­benen deut­schen Einheiten zogen in Richtung Neumarkt ab und kämpften dort gegen die US-Army. Während die Kämpfe in Nürnberg am 20. April zu einem Ende kamen, wurde jetzt auch Neumarkt schwer zerstört.
In und um Hersbruck war bis zum endgül­tigen Einrücken der Amerikaner ein Machtvakuum entstanden in dem liegen­ge­bliebene Züge, Vorratsdepots und die Dogger-Baustelle bei Happurg geplündert wurden. Das Konzentrationslager in Hersbruck, dessen Häftlinge auf der Houbirg an einer riesigen unter­ir­di­schen Stollenanlage für die Rüstungsindustrie gear­beitet hatten, war bereits in den Wochen zuvor von der SS geräumt worden. Um die 4000 Menschen hatten bei den Bauarbeiten durch Hunger, Krankheit, Erschöpfung und Gewalt ihr Leben gelassen, Hunderte entkräftete Häftlinge wurden auf dem Todesmarsch zum Konzentrationslager Dachau erschossen und am Wegesrand verscharrt. Das jetzt leer­ste­hende Konzentrationslager funk­tio­nierte die US- Besatzungstruppe zu einem provi­so­ri­schen Kriegsgefangenen- und später einem Internierungslager für poli­tische Mandatsträger und Funktionäre der NSDAP um. Das unter den Nationalsozialisten geltende Recht erklärte die US-Army für nichtig und sicherte sich gegen etwaigen Widerstand durch Verbot des Individualverkehrs und Ausgangssperren ab. Für die vielen nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, sowie für alle die unter der NS-Herrschaft gelitten hatten, war jetzt die lang­ersehnte Befreiung gekommen. Für die Funktionäre der NSDAP bedeutete es dagegen das Ende ihrer lang­jäh­rigen Privilegien und sie mussten befürchten zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte den Nationalsozialismus lange unter­stützt, war aber längst kriegsmüde und über das Ende der Kampfhandlungen erleichtert. Ein Nachdenken über Ursachen und Verantwortung von Krieg, Unrecht und Verbrechen fand in Anbetracht der totalen Niederlage aber eher selten Raum. Die eigenen Entbehrungen und der indi­vi­duelle Überlebenskampf im weit­gehend zerstörten Land mit unsi­cherer Zukunft bestimmten den Alltag. Millionen Flüchtlinge kamen nach Westdeutschland, die Städter fuhren zum “Hamstern” aufs Land, der Schwarzmarkt blühte auf und Zigaretten wurden zur neuen Währung. War der Mangel auch allge­gen­wärtig, so hatte die Region Hersbruck doch eine verhält­nis­mäßig gute Ausgangsposition für die Nachkriegszeit. Während die großen Städte immens zerstört waren, hielten sich die Kriegsschäden hier in Grenzen und die breite land­wirt­schaft­liche Basis sicherte die Ernährung.
Die oberste Befehlsgewalt übte in Hersbruck von 1945 bis 1949 die ameri­ka­nische Militärregierung aus, ohne deren Zustimmung nichts möglich war. Sie sicherte die öffent­liche Ordnung, ließ NS- Symbole aus der Öffentlichkeit entfernen und Plätze und Straßen umbe­nennen. Um möglichst schnell zu gere­gelten Verhältnissen zu kommen, band sie die deut­schen Behörden zügig wieder in die Verwaltung ein. Das Landratsamt Hersbruck wurde mit seinen Abteilungen für Fragen des Wiederaufbaus, der Kohlezuteilung, des Verkehrs- und Flüchtlingswesens sowie dem Ernährungs- und Wohnungsamt die zentrale koor­di­nie­rende Instanz im regio­nalen Leben. Da aber die alten Mandatsträger wie der Hersbrucker Bürgermeister Dr. Neusinger und Landrat Nunhofer nicht mehr tragbar waren, fragten die Amerikaner bei den Kirchen nach poli­tisch unbe­las­teten Personen für das Bürgermeisteramt an. Die empfahlen den Justizinspektor Michael Roiger (1892 – 1987), der als Kopf der Hersbrucker SPD unter den Nationalsozialisten seine Stelle verloren hatte und als äußerst integre Persönlichkeit galt. Das war wichtig, denn der ameri­ka­ni­schen Besatzungsmacht war bekannt, dass die Region Hersbruck eine frühe Hochburg des Nationalsozialismus gewesen war. Doch dem im April zum Bürgermeister ernannten Roiger gelang es “ohne würdelose Anbiederei die Besatzungsmacht vom guten Willen der Behörden und eines Großteils der Bevölkerung zu über­zeugen.” Das wirkte sich aus und die Militärregierung begann Reglementierungen zu lockern und unter­stützte zunehmend die Anliegen des Landkreises und den Wiederaufbau. Dabei konnte die Stadt Hersbruck auch von infra­struk­tu­rellen Vorarbeiten profi­tieren, die beim Bau der Dogger- Stollen geleistet worden waren. Als im August 1945 die Wasserversorgung für die durch Flüchtlinge und “Bombenevakuierte” stark gestiegene Bevölkerungszahl nicht mehr ausreichte, ermög­lichte es die Militärregierung die eigentlich für den zukünf­tigen Rüstungsbetrieb gebohrten Brunnen an die Hersbrucker Wasserversorgung anzu­schließen. Viele der ehema­ligen Baubaracken und Arbeiterunterkünfte um die Houbirg wurden von der Flüchtlingsverwaltung jahrelang als Unterkünfte für die vielen Heimatvertriebenen genutzt, bis auf dem Gelände des vorma­ligen Konzentrationslager neue Wohnungen entstanden waren.
Mit dem Wiederaufbau und der Sicherung der Lebensgrundlagen ging auch das Erwachen eines neuen poli­ti­schen Lebens einher. Wurde Roiger im September 1945 noch als neuer Landrat von der Militärregierung einge­setzt, nahmen jetzt auch demo­kra­tische Strukturen Kontur an. Im April 1946 wurden die Vertreter des zukünf­tigen Kreistags gewählt, die wiederum einen Landrat wählten. Roiger konnte dabei die meisten Stimmen auf sich vereinen und war somit demo­kra­tisch legi­ti­miert. Fast zwei Jahrzehnte lang wurde er stets wieder­ge­wählt und prägte in seiner bis 1964 dauernden Amtszeit den Landkreis nach­haltig. Seine Politik war konsens- und ausgleichs­ori­en­tiert, sein voraus­schau­endes Denken nahm viele heute aktuelle Themen vorweg. Nach dem Krieg waren die SPD und die Kommunistische Partei die ersten wieder aktiven Parteien während sich FDP, CSU und der Bürgerliche Block erst noch formierten. Dem trug Roiger als Landrat Rechnung und nutzte seine einfluss­reiche Stellung nicht für Parteipolitik, sondern suchte das Einvernehmen mit den verschie­denen poli­ti­schen Strömungen und amtie­renden Bürgermeistern. Der erste gewählte Hersbrucker Bürgermeister nach dem Ende des 3. Reichs war ab Januar 1946 Hans Söll von der FDP. Im Jahr 1948 setzte sich der parteilose, dem Bürgerlichen Block ange­hörige Dr. Kapp gegen Söll, Dressel von der SPD und Schäfer von der CSU durch. Roiger musste im Laufe seiner Amtszeit aber auch fest­stellen, dass das alte Gedankengut nicht verschwunden war und Leute die im 3. Reich den Ton ange­geben hatten, wieder in der Stadtpolitik mitre­deten. Das Thema Konzentrationslager wurde so im Lauf der Jahrzehnte immer mehr zum Tabu. Während Roigers Dienstzeit wurde deshalb vor allem im Landratsamt der Tatsache Rechnung getragen, dass die Geschehnisse um das Konzentrationslager Hersbruck im Ausland nicht vergessen waren und die Entwicklung der Stadt dort bis in höchste Regierungsebenen aufmerksam verfolgt wurde. Die regel­mäßig mit ihren Angehörigen nach Hersbruck kommenden ehema­ligen KZ-Häftlinge fanden im Landrat stets eine zuver­lässige Anlaufstelle, was bei seinen baye­ri­schen Amtskollegen nicht immer der Fall war. So half seine Einstellung das Ansehen der jungen Bundesrepublik Deutschland bei den ehema­ligen Kriegsgegnern zu heben und zur Völkerverständigung beizu­tragen.
Die Entwicklung des Landkreises Hersbruck förderte Roiger etwa durch den Bau der Landwirtschaftsschule auf dem vorma­ligen KZ-Gelände. Die dort auf Initiative ehema­liger Häftlinge ange­brachte Tafel war lange Zeit der einzige Hinweis auf die Geschichte des Areals. Mit dem Ausbau des Hersbrucker Krankenhauses stärkte er die örtliche Gesundheitsversorgung. Ein ganz beson­deres Anliegen war ihm stets die reiche Natur- und Kulturlandschaft. Alte Bäume und Eichenhaine, die das Landschafts- oder Dorfbild prägten, ließ er unter Schutz stellen und bereits 1945 entstand mit dem Oberen Molsberger Tal das älteste Naturschutzgebiet im Nürnberger Land. Als er das damals übliche Ausbrennen von Gebüsch an Straßenrändern und auf den Feldern verbot, bekam er den nicht immer wohl­wollend gemeinten Namen “Heckenmichel”.
Beim gewohnten Blick auf die Houbirg ist den meisten Hersbruckern nicht bewusst, dass der land­schafts­prä­gende, von einem kelti­schen Ringwall gekrönte Berg ohne Roigers Eingreifen in dieser Form heute nicht mehr existent wäre. Bereits während des Baus der Dogger-Stollen war der Berg übel geschunden worden und nur das Kriegsende hatte eine ausgrei­fende Ausbeutung der alten Steinbrüche verhindert. Als im Zeichen des Wiederaufbaues dort mit schwerem Gerät Schotter gewonnen werden sollte, verhin­derte Roiger die Zerstörung des Kultur- und Naturdenkmals und konnte auch in den kommenden Jahren einen groß­an­ge­legten kommer­zi­ellen Steinbruchbetrieb unter­binden. Vor 75 Jahren, in einer Zeit von deren Dramatik wir heute selbst unter den Auswirkungen von Corona nur eine schwache Vorstellung haben können, hatte Roiger mit seinen Vorstellungen vom Ausgleich zwischen verfein­deten Nationen, zwischen den Menschen in der Region sowie zwischen Mensch und Natur einen Weg beschritten, der von Nachhaltigkeit und Weitsicht glei­cher­maßen geprägt war.

U.S. Army erinnert an die Befreiung von Hersbruck 1945 durch die 65th Infantry Division

Tom Peine,
Public Affairs Office – Strategic Outreach
7th Army Training Command, Grafenwöhr

Erinnerungen und Gedenken an histo­rische Geschehnisse sind wichtige Elemente in der mili­tä­ri­schen Tradition. Heute aktive Einsatzbrigaden und Einheiten haben Bildbände, Geschichtsbücher, Ausstellungsstücke in ihren Hauptquartieren, bis hin zu ganzen Museen, um die Erinnerung an vergangene Einsätze und an die in Verbindung damit gebrachten Opfer wach­zu­halten.
Anlässlich des 75. Jahrestages des Weltkriegsendes in Europa, erinnern wir uns an die 65th Infantry Division der U.S. Army, die am 16.4.1945 Hersbruck und seine Umgebung vom Nazi-Regime befreit hat.

Obwohl es derzeit keine 65th Infantry Division der U.S. Army gibt, wird die Erinnerung an den Kampf, die Opfer und die Befreiung durch die ehema­ligen Soldaten der 65th Infantry Divison wach­ge­halten, u.a. durch Gedenkveranstaltungen wie sie ursprünglich in Hersbruck geplant waren. Das diese Verbundenheit zur Geschichte bis heute wach­ge­halten wird, brachten Veteranen der Einheit mit der Stiftung einer Bronzegedenkplatte zum Ausdruck, die in 2015 gespendet und zusammen mit anderen Gedenkplaketten instal­liert wurde.
Leider ist der geplante Besuch von Veteranen der 65th Infantry Division und ihrer Angehörigen in Hersbruck Anfang Juni mitt­ler­weile der gras­sie­renden Corona Pandemie zum Opfer gefallen.
Doch auch das nahe­ge­legen statio­nierte 7th Army Training Command der U.S. Army, sieht den histo­ri­schen Bezug und fühlt eine tiefe Verbundenheit mit den Geschehnissen vor 75 Jahren. Eine Teilnahme an dem geplanten Gedenken war vorge­sehen. Jetzt bleibt uns lediglich das geschriebene Wort als Zeichen empfun­dener Gemeinschaft.
Bereits im Januar 2018, fasste der Kongress der USA einen Beschluss zur Durchführung und Unterstützung von Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges durch das Verteidigungsministerium. Einer der fünf aufge­führten Hauptziele wurde von den Kongressmitgliedern dabei wie folgt ange­geben: “Zur Erinnerung an den Holocaust, die Vernichtung von sechs Millionen Juden durch das Naziregime, und das Zollen von Anerkennung der alli­ierten Truppen, die Nazi-Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs befreiten.”
75 Jahre nach dem Ende der Feindseligkeiten in Europa finden die Tapferkeit und der Heldentum aller Verbündeten nach wie vor Resonanz bei den US-Streitkräften in Europa, die fest zu Ihrer Verpflichtung gegenüber unseren euro­päische Verbündeten und Partnern stehen.
Die Befreiung von Konzentrationslagern in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs in Europa nimmt in unserem kollek­tiven Gedächtnis einen beson­deren Platz ein. Der Prozess der Befreiung dieser Lager bedeutete auch, dass Soldaten direkt das Ausmaß der mensch­lichen Tragödie vorfanden und Augenzeugen wurden. Die Männer und Frauen des heutigen US-Militärs bleiben für immer den Veteranen des Zweiten Weltkriegs verpflichtet, die selbst­losen Dienst leis­teten und Opfer brachten zur Verteidigung des globalen Friedens und der globalen Sicherheit, und die diese ganz besondere Generation auszeichnen.
Die besondere Bedeutung der Befreiung vom Naziregime liegt vor allem auch darin, dass sie die Grundlage für eine demo­kra­tische Gesellschaftsordnung in Deutschland geschaffen hat.
Während sich die Natur der Kriegführung drama­tisch verändert hat und sich das Kriegsgeschehen in andere Bereiche verlagert hat, sind der Mut und die Tapferkeit der Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, ewig während. Insgesamt hat der Zweite Weltkrieg moderne multi­na­tionale Operationen hervor­ge­bracht und Partnerschaften und Bindungen geknüpft, die wir nach­haltig schätzen und die uns bis heute zugutekommen.

Hersbruck in der Nachkriegszeit

Erster Bürgermeister Robert Ilg,
Von der Überheblichkeit des Denkens einer unde­mo­kra­ti­schen Zeit
1945 – der Krieg ist zu Ende
Im Tagesbuch einer damals 20jährigen jungen Frau durfte ich den Eintrag vom 9. Mai 1945 lesen: “Jetzt schütten alle ihren Spott über die Nationalsozialisten aus. Lächerlich ist es, wenn man bedenkt, dass wir den Aufstieg und Untergang eines 1000 jährigen Reiches erlebt haben. Was wurden dafür Lieder gesungen vom Tod für die Fahne und nun ist der Traum zu Ende.”
Das Ende des Krieges war ein Aufatmen. Ein Regime der abso­luten Macht über jeden einzelnen hatte sein Ende gefunden. Ideologie, Mentalität und Krise spielen eine Rolle bei der Frage, wie es über­haupt dazu kommen konnte. Das natio­nal­so­zia­lis­tische Gedankengut war aber nach Ende des Krieges nicht einfach aus den Köpfen getilgt. Für viele war ein Traum geplatzt.

Gegen das Vergessen
Hersbruck hat das Konzentrationslager vor seinen Toren lange verleugnet. Argumente, man hätte nichts davon gewusst, sind letzt­endlich der Scham und dem psycho­lo­gi­schen Unvermögen geschuldet gewesen, sich damit ausein­an­der­setzen zu müssen.
Im Oktober 1949, bei einer Landwirtschaftsausstellung auf dem ehema­ligen KZ-Gelände sagte der damalige Landwirtschaftsminister Alois Schlögl: “Wir wollen, dass dieser Schandfleck einer unse­ligen Zeit endgültig aus dem Gesichtskreis der Bevölkerung verschwindet.” Die Baracken wurden bald abge­rissen. Und den Menschen vor Ort war dies recht. Damit konnte man totschweigen, was nicht mehr zu sehen war.
Erst Anfang der 80er Jahre war es die Facharbeit eines Abiturienten über das ehemalige Außenlager, die zunächst eine Welle der Ablehnung hervorrief, dann aber auch der Beginn einer Aufarbeitung war. Heute haben wir mit dem Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck und der Gedenkstätte Flossenbürg Organisationen, die uns helfen unsere Geschichte wach zu halten. Mit dem erstellten Kubus gibt es einen Ort, der Geschichte sichtbar macht.
Demokratie gegen Ideologie – Dass sich Hersbruck nach dem Krieg demo­kra­tisch orga­ni­sieren konnte, hat sicherlich der für den ganzen Westen geltende “Flankenschutz” einer weit­sich­ti­geren Politik der Besatzungsmacht begünstigt. Das Wirtschaftswachstum der 50er/60er Jahre hat den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht. Das kam einer demo­kra­ti­schen Entwicklung sehr entgegen. Und so leben wir heute in einem erfolg­reich restau­rierten System der Bürgerfreiheit. Art. 28 des Grundgesetzes gewährt den Gemeinden das Recht “alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln.” Es war in den Jahren nach dem Krieg ein Weg der kleinen Schritte. Kommunen haben sich zum demo­kra­ti­schen Basislager entwi­ckelt. Hier entstand und entsteht “Meinung” indem Menschen persön­liche Beziehungen pflegen und sich in Vereinen, Bürgerinitiativen, Kirchen und Parteien enga­gieren. Dies zu bewahren ist unser großes Ziel. Wir bauen auf die unter­schied­lichen und viel­sei­tigen Sichtweisen der einzelnen Menschen, wir bauen auf Mitsprache und auf das Recht sich frei äußern zu können. Und wir bauen auf demo­kra­tische Bildung als Grundpfeiler für unser respekt­volles Miteinander.
All das, was wir als unsere städ­ti­schen Prinzipien sehen, soll dazu beitragen, dass unsere demo­kra­ti­schen Errungenschaften bewahrt und vor allem auch genutzt werden. Das führt unaus­weichlich zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen. Die gilt es auszu­halten. Und das tun wir!

Gedenken der Gewerkschaften:

Der Stein, der ins Wasser geworfen wurde.

Robert Günthner, DGB Bayern
Der II. Weltkrieg, entfesselt durch das Naziregime, vernichtete Millionen Menschen in Europa und Afrika und zerstörte Länder, Regionen und Nationen. Beim Gedenken an das Ende dieses Krieges mit all seinen Gräueln dürfen die mehr als 500.000 KZ-Häftlinge in Deutschland nicht vergessen werden. Diese Häftlinge wurden als poli­tische Volksfeinde, rassisch minder­wertig, als unwertes Leben, Verbrecher etc. aus der “arischen Volksgemeinschaft” ausge­sondert und in die KZ´s gesperrt. Ziel war es, mit ihrer Arbeitskraft Geld für die SS zu verdienen, indem sie an Firmen “vermietet” wurden und gleich­zeitig diese Menschen durch einen skru­pel­losen Arbeitseinsatz seelisch, körperlich und psychisch zu zerbrechen und zu vernichten. Terror und unein­ge­schränkte Ausbeutung drückt sich in dem Satz an den Eingangstoren vieler KZ´s aus: ” Arbeit macht frei”.

Das Verständnis der Volksgemeinschaft der Nationalsozialisten bedeutete die Leugnung der Unterschiede in einer Gesellschaft, die einzig bedeutsame Bestimmung für die Nazis war. Es ist daher kein Zufall, dass Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter mit die ersten waren, die von den Nazis verhaftet, depor­tiert und wegge­sperrt wurden. Das ist der Ausgangspunkt für die grund­le­gende Gegnerschaft der Gewerkschaften gegen die Nationalsozialisten und deren Apologeten heute.
Aus diesen Erfahrungen, in der Erinnerung an die Leiden der Gewerkschafter in den KZs und im Gedenken an die Millionen Ermordeten der Shoah begann der DGB Bayern sehr früh mit dem Erinnern und Gedenken.
Im Jahr 1952 ist die erste Gedenkveranstaltung des baye­ri­schen DGB mit Kranzniederlegung auf dem jüdi­schen Friedhof in München doku­men­tiert, im Jahr 1958 die erste Gedenkveranstaltung der DGB-Jugend im ehema­ligen KZ Flossenbürg.

Gedenkstein Hersbruck
In den 80er Jahren inten­si­vierte die DGB-Jugend in Bayern ihre Aktivitäten zur Erforschung der regio­nalen NS- und Nachkriegsgeschichte. Damit arbeitet die DGB-Jugend auch gegen, wie es Samuel Salzborn viel später ausdrückte, “Die Abwehr der Shoah im deut­schen Erinnern”.
Die DGB-Jugend Bayern setzte diese Tradition fort, indem sie am 5.November 1983 auf dem Gelände des ehema­ligen KZ´s einen Erinnerungsstein setzte, an dem die Worte “Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verur­teilt, es noch einmal zu erleben” ange­bracht wurden. Dieser Stein erwies sich im sprich­wört­lichen Sinne “als ein Stein, der ins Wasser geworfen wurde und erheb­liche Wellen warf”. Mit und durch die Setzung des Steins gingen heftige Diskussionen im Stadtrat und der Bevölkerung einher, die zu einer weiteren Aufbereitung der Geschichte des KZ´s in Hersbruck durch den leider kürzlich verstor­benen Gerd Vaselow führte. In der Folge schlossen sich Bürger von Hersbruck zu einem Dokuverein KZ Hersbruck zusammen mit dem Ziel, das Wissen und das Gedenken an das Geschehen vor den Toren von Hersbruck aufzu­be­wahren, aufzu­be­reiten und allen Interessierten zugänglich zu machen.
Heute wird das KZ Hersbruck, als dritt­größtes KZ in Bayern, von der Politik und vielen Menschen in Hersbruck nicht mehr verschwiegen bzw. geleugnet, sondern als Teil der eigenen Geschichte aner­kannt und die Erinnerungsarbeit vor Ort unter­stützt.
Die Gewerkschaften, d.h der DGB, wird diese Erinnerungsarbeit weiterhin unter­stützen. Niemals wieder sollen Menschen entrechtet, einge­sperrt und ermordet werden aufgrund ihrer Rasse, Religion, poli­ti­schen Überzeugung, Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dazu ist es wesentlich, sich der Geschehnisse in der Vergangenheit zu erinnern und gegen rechtes Gedankengut und Aktivitäten wirksam einzu­treten.
Bernt Engelmann, einst selbst Häftling im KZ Hersbruck, schrieb in einem Geleitwort zur Facharbeit von G. Vanselow: ” Genau das . haben wir uns einst erhofft, wir, die Häftlinge des Lagers Hersbruck der Jahre 1944/45, dass unsere vielen Toten und wir wenigen Überlebenden nicht vergessen würden, dass einer es erfor­schen und aufschreiben würde, was da vor den Augen der Bevölkerung der kleinen Stadt an der Pegnitz Tag für Tag geschah.”

Erinnern heißt kämpfen!

Sophie Kögel, DGB Jugend Mittelfranken
“Wer sich des Vergangenen nicht erinnert ist dazu verur­teilt es noch einmal zu erleben”, lautet die Inschrift des Gedenksteins. Er wurde von der DGB Jugend 1983 als Erinnerung an die Opfer des Holocaust, insbe­sondere für die Ermordeten des KZ-Außenlagers Hersbruck gesetzt. Gedenken ist also auch Mahnung an die Gesellschaft, damals wie heute. Gewerkschaftliche Arbeit war immer auch Erinnerungsarbeit und ist noch heute für die gewerk­schaft­liche Jugendarbeit essen­zi­eller Bestandteil.
Gerade in Zeiten, in denen die neuen Rechten erstarken, Antisemitismus, Ausgrenzung und Hass poli­tisch wieder aufflammen, ist es notwendig sich dagegen zu stellen. Das heißt Erinnerungsarbeit weiter­führen, Teilnahme an Gedenkveranstaltungen und Seminaren, gewerk­schaft­licher Austausch mit dem israe­li­schen Gewerkschaftsbund, der Histadrut. Ein gemein­sames Aufarbeiten der Geschichte, das Aufzeigen und Verurteilen der Geschehnisse während des dritten Reiches sind unumgänglich.

“Erinnern heißt Kämpfen”, das war im vergan­genen Jahr der Slogan der DGB Jugend Bayern für die Gedenkveranstaltungen der Opfer des Nationalsozialismus. Erinnern heißt sich bewusst werden, dass eine syste­ma­tische Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen nie wieder geschehen darf. Aus diesem Verständnis heraus wollen wir aktiv werden. Bei rechten Äußerungen nicht einfach weg hören, sondern sich einmi­schen. Sich soli­da­risch zeigen mit Geflüchteten. Rassistischen und anti­se­mi­ti­schen Organisationen die Stirn bieten. Gerade wenn eine natio­na­lis­tische, auslän­der­feind­liche und geschichts­ver­drossene Partei wieder einen Platz im Bundestag einnimmt, ist es notwen­diger denn je, sich dagegen zu stellen und für Solidarität und Zusammenhalt einzu­stehen. Sich stark machen gegen Rassismus und Ausgrenzung. Das kann im Kleinen durch Gespräche und Diskussionen im Freundeskreis, in Schule, Uni oder Betrieb geschehen. Wichtig ist, dass man sich posi­tio­niert und einsetzt. Als Gewerkschaftsjugend über­nehmen wir auch im Großen Verantwortung, dass die Vergangenheit nicht wieder auflebt.
Wir als DGB Jugend Mittelfranken stellen uns gegen das Erstarken faschis­ti­scher Kräfte und treten ein für eine soli­da­rische und menschen­würdige Zukunft. Somit gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus und sehen es als unsere Aufgabe ihr Andenken auch in der Gesellschaft weiter leben zu lassen.
“In Zeiten wie diesen ist es notwendig inne­zu­halten und zurück zu blicken, das Vergangene mit der Zukunft zu verstricken.
Ich bin nicht schuldig, wir sind nicht schuldig -
Aber um nicht schuldig zu werden sind wir verantwortlich.”

“Was hat das mit mir zu tun?”

Junge Erwachsene und modernes Gedenken

Dr. Matthias Rittner,
Wissenschaftlicher Mitarbeiter KZ­Gedenkstätte Flossenbürg

Wie sollen lebendige Erinnerung und Gedenken an die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewaltverbrechen 75
Jahre danach aussehen? Darüber standen SchülerInnen aus Hersbruck und dem tsche­chi­schen Litoměřice im Austausch. Beide Orte verbindet die Vergangenheit, denn sie waren die beiden größten Außenlagerstandorte des Konzentrationslager­Komplexes Flossenbürg. Seit 2017 besteht Kontakt zwischen dem Paul­Pfinzing­Gymnasium und dem Gymnázium Josefa Jungmanna. Mit verschie­denen deutsch­tschechischen Beiträgen wollten SchülerInnen beider Einrichtungen eine Gedenkveranstaltung in Hersbruck am 20. April zum 75. Jahrestag der Befreiung mitge­stalten. Nur wenige Tage später, am 26. April, sollte in Flossenbürg der Jahrestag mit ehema­ligen Häftlingen und Angehörigen begangen werden. Aufgrund der Corona­Pandemie konnte nun keine der Veranstaltungen statt­finden. Die Planungen zeigen aber, in welche Richtung sich Gedenken entwi­ckeln muss, wenn es nach­haltige Wirkung zeigen und nicht bloßes Lippenbekenntnis sein soll: Jugendliche müssen in Gedenkveranstaltungen aktiv einge­bunden werden. Sie brauchen Begleitung bei dem Prozess, für sich eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Relevanz die Geschichte der Konzentrationslager für sie heute hat und welche Formen der Erinnerung sie für ange­messen halten. Sie sollen nicht Statisten in ritua­li­sierten Gedenkhandlungen sein, sondern junge Menschen, die mit ihren eigenen Ideen am Gedenken teil­haben und es damit auch zu “ihrem” Gedenken machen.

Damals nach dem Krieg

Erinnerungen von Dieter Rosenbauer
Da wir außerhalb von Hersbruck auf dem Berg wohnten, gingen viele Dinge, die sich nach dem soge­nannten “Umsturz” in der Stadt abspielten, ziemlich unbe­merkt an mir vorüber. Das erste schlimme Erlebnis für mich war, dass nach ein paar Tagen vor unserem Haus ein ameri­ka­ni­scher Panzer vorfuhr und die Amerikaner meinen Vater verhaf­teten und in ein Internierungslager brachten. Ein halbes Jahr hörten wir nichts mehr von ihm – wir wussten nicht einmal, ob er noch lebte, es gab ja die wildesten Gerüchte. Wir mussten uns also als große Familie mit sechs Kindern – ich war der Jüngste – so gut es ging einrichten. Wir hatten einen großen Garten mit Obst, Gemüse, Hühnern, Stallhasen und Ziegen. Fürs tägliche Überleben war also gesorgt. Und alles wurde mit Nachbarn und Bekannten, die das alles nicht hatten, geteilt.
Mein nächstes tief­ge­hendes Erlebnis war, dass bei uns ein ameri­ka­ni­scher Offizier erschien, der meiner Mutter erklärte, unser Haus sei beschlag­nahmt: “Morgen früh um 8 Uhr zieh ich mit meinen Offizieren hier ein.” Innerhalb von 12 Stunden mussten wir unser Haus räumen. In kürzester Zeit hatte meine Mutter die Zusage von Verwandten, dass wir zu ihnen auf einen kleinen Bauernhof nach Altensittenbach umsiedeln können. – Unglaublich – eine Familie mit sechs Kindern in 2 Zimmern. Alle Nachbarn, Bekannte und auch Unbekannte packten mit an. Ohne einen Lastwagen, nur mit einem Pferdefuhrwerk, wurde das gesamte Hausinventar von 6 Uhr abends bis 6 Uhr früh nach Altensittenbach trans­por­tiert. Das Haus war leer, nichts fehlte, sogar die Vorhänge waren abge­nommen. Ich führte als Sechsjähriger unsere 5 Ziegen über den Michelsberg nach Altensittenbach. Ich war sehr stolz auf meine Leistung; fühlte ich mich doch geradezu als Retter der Familie. Tags darauf erschien wieder der ameri­ka­nische Offizier zur Hausübergabe. Dabei beschwerte er sich sehr zornig meiner Mutter gegenüber, dass sogar die Vorhänge weg waren. Meine Mutter erwi­derte ziemlich patzig, dass sie geglaubt habe, er wäre Naturliebhaber und möchte die schöne Aussicht über Hersbruck genießen. Seine giftige Antwort darauf: ” Noch ein Wort, in meinem Lager ist noch ein Platz frei für sie!” Da rutschte mir das Herz in die Hose. Später erfuhren wir, dass dieser Offizier, Lagerkommandant des Internierungslagers in Hersbruck war.
Nun mussten wir uns in Altensittenbach in den engen Verhältnissen erstmal einge­wöhnen. Für 6 Kinder musste Essen auf den Tisch und alles hing an meiner Mutter. Sie orga­ni­sierte die Familie, jeder hatte seine Aufgaben, ich war für meine geliebten Tiere zuständig. Aber, so schlimm die Verhältnisse auch waren, für mich war auf einmal alles ein großes Abenteuer. Ich hatte ja meine Mutter und meine Geschwister. Und das Beste – wir hatten keine Schule!
Von den Vorgängen in Hersbruck bekamen wir relativ wenig mit. Es fuhren zwar unentwegt Panzerkolonnen durch Hersbruck, aber das war für uns weniger schrecklich, es war inter­essant für uns Buben. Ich war haupt­sächlich mit unseren, für unsere Versorgung wich­tigen Haustieren beschäftigt, und fühlte mich sehr wichtig für die Familie. So gut, wie ich es als inzwi­schen Achtjähriger konnte, werkelte ich auf dem Bauernhof mit, als Belohnung gab es ein dick beschmiertes Butterbrot. Nach einem halben Jahr zogen die Amerikaner wieder aus, und wir konnten in unser Haus zurück. Aber es dauerte nicht lange, da wurden Flüchtlingsfamilien aus dem Sudetenland einquar­tiert – insgesamt 30 Personen mit Kindern, teil­weise 5 Personen in einem Zimmer. Trotz der Enge kann ich mich an keine Streitigkeiten erinnern. Meine Mutter teilte jeder Familie ein Stück Garten zu. Und so konnten alle ihr Gemüse anbauen, teil­weise wurde sogar Getreide gesät und geerntet. Da sah ich zum ersten Mal Mohnkapseln. Mit dem Mohn wurde Kuchen gebacken, oder es gab Zwetschgendatschgerl ganz was Neues. Durch die vielen Kinder war es für mich eine herr­liche Zeit. Meine Mutter schrieb täglich einen Brief an meinen Vater, da sie erfahren hatte, dass er in einem Lager bei Karlsruhe inter­niert war. Was noch 2 Jahre dauern sollte.
Was in der Zwischenzeit in Hersbruck passierte, kann ich nicht so recht beur­teilen. – Ob sich die Hersbrucker zu einer Gemeinschaft mit demo­kra­ti­scher Ordnung zusam­men­fanden, war für einen acht­jäh­rigen ohne Bedeutung. Ich glaube, man tat sich schwer damit, denn ich kann mich an den oft gehörten Ausdruck erinnern: “Der Druck von oben ist weg, aber wenn halt der Schwindel nicht wär!” Man war ganz einfach der Demokratie gegenüber sehr skep­tisch. Zwölf Jahre Diktatur sind nicht so ohne weiteres abzu­streifen. Im Nachhinein bin ich fest über­zeugt, dass ohne den Druck der Amerikaner ein Demokratieaufbau in so relativ kurzer Zeit nicht möglich gewesen wäre. Wenn wir uns fragen, was wir aus dieser soge­nannten “schlechten” Zeit mitnehmen können, so ist es für mich, die unge­heure Hilfsbereitschaft unter­ein­ander in dieser schweren Zeit. Vielleicht weil es die Kluft zwischen “arm” und “reich” nicht gab. Die damalige Not machte erfin­de­risch, um das tägliche Leben zu meistern, und wir waren auch dankbar für jede kleine Verbesserung. Man sehnte sich nach Normalität, aber was war schon normal?

Schulalltag nach Kriegsende

Sichtweisen einer Schülerin

Irmingard Philipow
An den Schulalltag direkt nach Kriegsende, d. h. die letzte Zeit in der Hersbrucker Grundschule kann ich mich kaum mehr erinnern. Jedenfalls begann im Herbst 1946 mein Schulalltag im Hersbrucker Gymnasium, der dama­ligen Oberrealschule Hersbruck. Zunächst waren wir im alten Finanzamt in der Amberger Straße unter­ge­bracht, bis nach der Restaurierung der Umzug in das heutige Emil-Held-Haus möglich war. Die Klassen waren riesig, die räum­lichen Verhältnisse beengt. Wir saßen auf Zweisitzer-Bänken, die in mili­tä­ri­scher Ausrichtung in langen Reihen hinter­ein­ander standen. Sonstige Ausstattung: ärmlich; Wandtafeln, Kreide und Lappen, sonst nichts. Schulbücher oder Anschauungsmaterialien wie Filme oder Modelle: wenig bis gar keine. Wir schrieben wie die Weltmeister in unsere Hefte (die gab es wenigstens) den von den Lehrkräften im Unterrichtsverlauf an der Tafel notierten Lehrstoff ab. Die Lehrkräfte erklärten den Stoff, die SchülerInnen mussten ihn aufnehmen und zu gege­bener Zeit wieder­geben.
Interessantes Phänomen: Der Geschichtsunterricht endete selbst in der Abschlussklasse (1954!) bei der Weimarer Verfassung. Das 3. Reich mit seinem “glor­reichen” Führer Adolf Hitler, der viele Länder mit Krieg überzog und dabei das deutsche Volk ins Unglück stürzte, wurde ausge­klammert. Über die Ursachen mag man sich seine Gedanken machen. Unsere Lehrkräfte waren zumeist ältere Männer, die nach und nach ihre Entnazifizierung hinter sich gebracht hatten. Die jüngeren Männer waren in Gefangenschaft oder im Krieg gefallen. Berufstätige Mütter waren eine Seltenheit im Schulalltag, aufgrund der Tatsache, dass damals keine Teilzeitarbeit für Frauen üblich war.

Der Erziehungsstil der meisten Lehrkräfte war direkt nach dem Krieg rein auto­ritär. Dem “befeh­lenden Führer” war Folge zu leisten. Schüler hatten keine Rechte, sondern ausschließlich Pflichten.
Dazu ein Beispiel aus eigenem Erleben: Ein hinter mir sitzender Klassenkamerad hatte irgend­einen Unfug begangen, der mir, obwohl unschuldig, mit ange­lastet wurde. Ich bekam unge­rech­ter­weise einen Verweis, den ich zu Hause meinem Vater(!) zur Unterschrift vorzu­legen hatte, was ein mitt­leres fami­liäres Erdbeben hervorrief. Ich versuchte, meine Unschuld zu beteuern – jedoch ohne Erfolg. “Wenn du von deinem Lehrer einen Verweis bekommen hast, so wird das zu Recht gewesen sein.” So die Worte meines Vaters. Weitere Erklärungen zwecklos. Ich wurde streng bestraft. (Es ist mir entfallen, womit, aber ich weiß noch, dass es in dieser Situation sehr bitter für mich war).
Erst nach und nach wandelte sich die anfäng­liche restriktive auto­ritäre Situation in eine demo­kra­ti­schen Zielsetzungen gemäßere Form.
Es gab aber in der schwie­rigen Anfangszeit für hungrige Nachkriegskinder auch freudige Erlebnisse, z. B. die tägliche Schulspeisung, auf die wir uns als Kinder der mageren Jahre mit ihrer Mangelversorgung von Tag zu Tag freuten. Mit unseren Henkeltöpfchen, Milchkannen oder anderen geeig­neten Gefäßen standen wir in langen Schlangen an und freuten uns über Erbsensuppe mit Würstchen und Rosinen (etwas gewöh­nungs­be­dürftig!), über Grießbrei oder Kakao mit einem Gebäckstück. Mmm, das schmeckte fein und danach ging das Lernen auch wieder viel besser als mit einem knur­renden Magen. Und gar nicht so selten freuten sich zu Hause weitere Familienmitglieder über mitge­brachte Reste.