Was sich aus der Geschichte lernen lässt

Neben dem Gedenkstein für die Opfer des KZ Hersbruck, den die DGB Jugend einst aufstellen ließ, befinden sich nun vier neue Gedenktafeln.

Seit 1983 steht auf dem Gelände des Finanzamts ein von der DGB Jugend errich­teter Gedenkstein für die Opfer des KZ Hersbruck. Seit einiger Zeit ist er um vier Gedenktafeln ergänzt. Coronabedingt erfolgte deren offi­zielle Einweihung aller­dings erst jetzt.
(aus: Hersbruger Zeitung 06.10.2020)

 

Drei der neuen Gedenktafeln:
• Eine für Marian Szymanowski. Er stammte aus Polen und kam über das KZ Groß-Rosen nach Hersbruck, wo er im April 1945 starb. Seine Verwandten besuchten 2008 Hersbruck und stellten eine kleine Erinnerungstafel ab.
• Eine für Francesco Moisello aus Genua. Er starb 1944 im KZ Hersbruck. Seine Leiche wurde in Nürnberg verbrannt und auf dem Südfriedhof beigesetzt. 1960 wurde seine Urne auf den Ehrenfriedhof in Flossenbürg umge­bettet. Erst 2008 erfuhren seine Enkel Marco und Alessandro, dass ihr Großvater in Flossenbürg begraben liegt. 2011 waren sie zu Gast in Hersbruck und brachten die Plakette mit.
• Eine für die 65. Infantry Division, die 1945 Hersbruck befreite.

 

Gedenktafeln neu angebracht

Den Termin hatte der Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck nicht zufällig gewählt: Am Vorabend des Tags der deut­schen Einheit versam­melten sich Politiker, Vereinsmitglieder und geladene Gäste am Gedenkstein in der Amberger Straße. Nicht nur, um der Opfer des Nazi-Regimes und der Befreiung durch die Amerikaner zu gedenken, sondern auch, um einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen und ein Bekenntnis zur demo­kra­ti­schen Grundordnung abzu­legen – im Großen wie im Kleinen.

Begrüßung Einweihung Gedenktafeln am Finanzamt Hersbruck

Heute bunt und welt­offen
Landrat Armin Kroder war denn auch der Erste, der dies mit deut­lichen Worten tat. Er sei froh und dankbar, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen, erklärte er in seinem Grußwort. Der Landkreis stehe für eine bunte und welt­offene Gesellschaft und für ein Miteinander der Menschen. 

Um aber über­haupt erst den Wert der Demokratie erkennen zu können, sei es wichtig, die Vergangenheit zu verstehen, verdeut­lichte Klaus Petersen vom Dokuverein. Dem konnte Roman Haller, stell­ver­tre­tender Direktor des Hersbrucker Finanzamts, nur beipflichten. Es sei von großer Wichtigkeit, sich an vergangene dunkle Tage zu erinnern und Lehren daraus zu ziehen, sagte er.

Elf Jahre später
Peter Schön warf zunächst einen Blick zurück ins Jahr 1945. Dann zitierte er aus einem aktu­ellen Brief der Veteranenvereinigung der 65. US-Infanteriedivision, deren Vertreter eigentlich im Sommer hatten nach Deutschland kommen wollen. Soldaten dieser Division hatten 1945 auch Hersbruck von der Nazi-Diktatur befreit. 2009 waren einige von ihnen hier zu Besuch. Wenig später schickten sie eine Gedenktafel. Schön, damals Vorsitzender des Dokuvereins, hatte ihnen versprochen, einen würdigen Platz dafür zu finden. 2020, elf Jahre später, habe er dieses Versprechen nun endlich einlösen können. Die Plakette ist eine der vier neuen Tafeln, die neben dem DGB-Gedenkstein auf Flossenbürger Granit ange­bracht ist.

Französische Häftlinge wollten in den 1950er Jahren eine Gedenktafel beim ehema­ligen KZ-Gelände anbringen. Die Stadt hatte damals keinen Platz gefunden. Und so wurde sie vom Landkreis an der Westseite der kreis­ei­genen Landwirtschaftsschule in der Amberger Straße ange­bracht. Viele Jahre versam­melten sich fran­zö­sische Besucher dort zum Gedenken. Ende 2013 bargen Mitarbeitende des Vereins Dokumentationsstätte die Tafel, bevor das Landwirtschaftsamt verkauft wurde. Heute erweitert sie als älteste Gedenktafel den Gedenkort an der Südostecke des Finanzamts.

Tafel der französischen Häftlinge
Mayor Upshaw Us Army

Warum es heut­zutage über­haupt noch Gedenktafeln an Deutschlands dunkelste Vergangenheit braucht, erklärten die Vertreter des DGB. „Gedenken hat für uns einen Gegenwartsbezug: Freiheit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit müssen immer wieder gegen die Feinde von Freiheit und Demokratie verteidigt werden“, sagte Robert Günthner vom DGB Bayern. Marcus Lahner von der Gewerkschaftsjugend Mittelfranken zitierte Gedichtzeilen seiner Kollegin Sophie Kögel: „In Zeiten wie diesen ist es notwendig inne­zu­halten und zurück­zu­blicken, das Vergangene mit der Zukunft zu verstricken. Ich bin nicht schuldig, wir sind nicht schuldig – aber um nicht schuldig zu werden, sind wir verantwortlich.“

In der Verantwortung, demo­kra­tische Grundsätze zu vertei­digen, sah sich auch Major Andrew Upshaw vom 2. Cavalry-Regiment der US Armee aus Grafenwöhr, der eigens zu dieser Feierstunde gekommen war. Er betonte, dass sich die USA für die Werte eines freien, demo­kra­ti­schen Europas einsetzen und sich den Bedrohungen stellen werde.

Von denen gibt es derzeit reichlich. Darauf wies nicht nur Karl Freller von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten hin. Er sprach von einer „ziemlich zerris­senen Gesellschaft“ und von „nicht akzep­tablen“ Zuständen, wenn etwa beim Totengedenken an den mutmaßlich von einem Rechtsextremisten getö­teten hessi­schen Regierungspräsidenten Walter Lübcke ein AfD-Politiker demons­trativ sitzen bleibt, wie im Bayerischen Landtag geschehen. „Wir müssen aufpassen“, appel­lierte Freller an die Gästeschar und forderte ein Zurückkehren zur Mitte.

Rückkehr zur Mitte
Dem konnte Hersbrucks Bürgermeister Robert Ilg nur beipflichten. „Ich glaube, dass wir unsere Mitte verloren haben“, sagte er und mahnte, bei Hass und Hetze nicht zu schweigen, nicht aufzu­hören, sachlich zu disku­tieren und wieder eine Gesprächskultur zu etablieren. Die Rückkehr zur Mitte gelinge dabei nur gemeinsam, so Ilg.

„Zusammenhalten, was ausein­an­der­strebt, mitein­ander reden und aufein­ander hören“ – das wünschte sich auch der Vorsitzende des Vereins Dokumentationsstätte, Thomas Wrensch, in seiner Rede. Er verwies bereits auf ein neues Projekt des Vereins: Zusammen mit Künstlern sollen aus den Orten des Leidens Orte der Menschenrechte werden.

 

Nach einer Schweigeminute legten alle Redner sowie einige Gäste weiße Rosen an den Gedenktafeln nieder.

Hier ist der Gedenkstein zu sehen, den die DGB Jugend 1983 am ehema­ligen KZ-Gelände in Hersbruck aufstellte.

Gedenktafel Jugendverband des DGB

Text und Fotos: K. B.