Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

27. Januar 2021 – Gedenken für die Opfer des KZ Hersbruck 

Heutiger Gedenkgottesdienst zur Befreiung des KZ Auschwitz wird in den April verschoben.

Gerd Vanselow steht dieses Jahr im Mittelpunkt.
(aus: Nürnberger Nachrichten/Hersbrucker Zeitung 27.01.2021)

 

Die Dokumentationsstätte KZ Hersbruck wollte am 27. Januar, dem Gedenktag der Befreiung des KZ Auschwitz,
Gerd Vanselow ins Zentrum des alljähr­lichen Gottesdienstes stellen. Denn „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ (Ingeborg Bachmann) – damals wie heute. Nun müssen Gottesdienst und Gedenkveranstaltung coro­nabe­dingt verschoben werden auf 16. April. Mitte April 1945 war die Befreiung Hersbrucks durch die US-Armee. Luise und Hans Treuheit sowie Thomas Wrensch vom Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck erinnern sich an Vanselows Wirken.

Im Raum Hersbruck ist Gerd Vanselow vielen ein Begriff. Er ist im vorletzten Dezember im Alter von nur 55 Jahren in Sambia verstor­benen. Als Kollegiat am Paul-Pfinzing-Gymnasium wählte er für die damals übliche Facharbeit ein geschicht­liches Thema, das ihm als jungem Happurger auf den Nägeln brannte. Mit seinem Fragen nach der Wahrheit über das beinahe verdrängte KZ holte er eine lange Zeit unliebsame Erinnerung ans Licht.

Heute wird es pande­mie­be­dingt keinen Gedenkgottesdienst geben. Er wird in den April verschoben – im April l945 wurde Hersbruck durch die US-Armee befreit. Foto: Archiv/M. Ermer

Bernt Engelmann, Häftling Nr. 28738 im Block 12 des Lagers Hersbruck, später bekannter Autor, Redakteur und Femsehjoumalist, schrieb 1983 im Vorwort zu Vanselows Arbeit: “Genau das (…) haben wir uns einst erhofft‚ wir, die Häftlinge des Lagers Hersbruck (…): Dass unsere vielen Toten und wir wenigen Überlebenden nicht vergessen würden; dass einer es erfor­schen und aufschreiben würde, was da vor den Augen der Bevölkerung der kleinen Stadt an der Pegnitz Tag für Tag geschah.”

Wie man im ‘Häftlingsbuch’ von Peter Schön nach­lesen kann, ließ Vanselow sich auch vom dama­ligen Bürgermeister der Stadt nicht beirren. Der glaubte, der gute Ruf Hersbrucks müsse durch Schweigen gewahrt werden. Im Gegensatz zu dama­ligen Bürgern und Honoratioren hatte der Gymnsiast ein anderes Verständnis von Erinnerungskultur und Umgang mit der Geschichte: Er wollte der Wahrheit ins Auge sehen.

 

 Gerd Vanselow steht im Mittelpunkt des dies­jäh­rigen Gedenkens. Foto : privat

Auf den Grund gegangen
Auf Gerd Vanselows Forschen als junger Mann und späterer Fihnemacher will der Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck nun aufmerksam machen. Vanselow habe sich stets für Benachteiligte einge­setzt und wollte anderen helfen. Wichtigen Dingen ging er auf den Grund und arbeitete daran, sie bekannt zu machen. So schlug er schon im Jahr 1995 der Medienwerkstatt Nürnberg vor, einen Film zum Klimawandel in Franken zu machen. Es wurde einer der ersten Beiträge zu einem heute allge­gen­wär­tigen, bren­nenden Thema.

In Hersbruck ist heute eine Straße nach dem CSU-Bürgermeister benannt, der damals am Gymnasium gegen die Publikation der Facharbeit zu inter­ve­nieren versuchte. Auch Gerd Vanselow und sein Mut sollten in der Hersbrucker Öffentlichkeit nicht vergessen werden, so ein Ziel des dies­jäh­rigen Gedenkgottesdienstes, der nun in den April verschoben wird.

Auch der Hersbrucker Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen erinnert in einer Pressemitteilung an die Befreiung des KZ Auschwitz und daran, was sich einst in Hersbruck und Happurg zuge­tragen hat, unter “welchen erbärm­lichen Verhältnissen Menschen, die nicht in das gesell­schaft­liche Bild der Nazis passten, leben und arbeiten mussten.” Die Grünen rufen zudem dazu auf, “sich selbst zu hinter­fragen: Lache ich mit, wenn anti­se­mi­tische Witze am Stammtisch kommen? Widerspreche ich, wenn die Kollegen rassis­tische Sprüche klopfen? Wie verhalte ich mich, wenn mein Nachbar wegen seiner Hautfarbe auf offener Straße beleidigt wird? Was entgegne ich, wenn der Onkel oder die Tante hetzende Verschwörungstheorien äußern?”