ORTE DES LEIDENS UND DER VERBRECHEN – VERPFLICHTUNG ZUR MENSCHLICHKEIT KUNSTWETTBEWERB 2021–2022

Erinnern, aufrütteln und Brücken schlagen

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Außerordentliche Mitgliederversammlung des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck zu neuem Großprojekt

Text: Hersbrucker Zeitung 24. 04.2021 – PDF: Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck

„Es ist ein Projekt in einem Umfang, den wir noch nie hatten“, machte Thomas Wrensch die Bedeutung von „Orte des Leidens in Orte der Menschlichkeit verwandeln“ deutlich. Dafür erntete der Vorsitzende des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck bei einer außer­or­dent­lichen Versammlung „im Mischverfahren“ breite Zustimmung.

Denn ein Teil der Mitglieder gab sein Votum über das Projekt per vorbe­rei­tetem und zuge­schicktem Stimmzettel auf dem Postweg ab – „weil nicht alle gleich fit im Digitalen sind“, so Wrensch –, der andere Teil hob in einer Zoom-Konferenz die Hand. „Das ist ein direkter, wenn auch durch den Bildschirm vermit­telter Kontakt.“ Aber genau diese sozu­sagen persön­liche Begegnung war Wrensch ein Anliegen: „Die Entscheidung soll auf einer breiten Basis stehen.“

 

Weil es sich laut Bürgermeister Robert Ilg um ein „lohnendes Projekt“ handelt, das „Kunst mit Erinnerungskultur verschmelzen lässt, das Hersbruck, als Herzkammer von Kunst und Kultur im Nürnberger Land, mit Geschichte zusam­men­bringt“. Daher würden
Stadt, weitere Kommunen (wie Pommelsbrunn) und der Landkreis gemeinsam mit dem feder­füh­renden Doku-Verein an der Umsetzung arbeiten.
Der Grund hierfür: die Bewerbung Nürnbergs zur Kulturhauptstadt Europas. Diese hatte der Landkreis mit eigenen Projektideen unter­stützt, blickte Wrensch auf die Entstehung zurück. „Es wäre bedau­erlich, wenn das Vorhaben aufgrund der Ablehnung Nürnbergs unter­gehen würde“, sagte Wrensch. Schließlich habe Vereinsbeisitzer und Projektleiter Klaus Petersen ein Konzept erstellt, das die Orte des Leidens in und um Hersbruck – wie KZ-Gelände, Doggerstollen, Wege oder Verbrennungsanlagen – mit Hilfe von Kunst in Gegenwart und Zukunft über­führen soll.
„Damit soll Menschlichkeit sicht‑, greif- und spürbar werden“, erklärte Wrensch, und zwar durch jedwede künst­le­rische Aktivität, egal ob per dauer­hafter Installation, Literatur, Musik oder Theater. Das Ansinnen lautet, so Wrensch, Brücken zwischen Gedenken sowie Schicksalen und gelebter Demokratie, Freiheit, Vielfalt und Respekt zu schlagen. „Und das Projekt soll daher auch zu Diskussionen um diese Themen in der Stadtgesellschaft führen.“
Bürger reden mit

Startpunkt für diese „Umformung der Orte durch die künst­le­rische Fantasie“ soll ein Wettbewerb für regionale Künstler sein. Zugleich sollen aber auch Schulen einge­bunden werden, legte Wrensch dar. Daher sehe der Zeitplan vor, das Vorhaben nun weiter­zu­ent­wi­ckeln, um dann von Sommer bis Jahresanfang 2022 eine Zeitspanne für das Einreichen der Wettbewerbsbeiträge zu haben. Danach hätte eine Jury  Zeit, die Vorschläge und Werke zu bewerten. Zudem soll die Öffentlichkeit einen Publikumspreis und der Verein Dokumentationsstätte einen Sonderpreis zu Ehren von Vittore Bocchetta vergeben.

Da eine Abstimmung mit den Kommunen in Sachen Örtlichkeiten und Termine nötig sei, könnte man mit den Präsentationen dann erst im kommenden Sommer rechnen, gab Wrensch einen zeit­lichen Überblick. Für all das veran­schlagt der Verein Ausgaben von rund 120 000 Euro. Die sollen „weit­gehend aus Fremdmitteln“ stammen, erläu­terte Wrensch. An entspre­chenden Anträgen sei man schon dran. Ebenso die Stadt, wie Ilg verriet. Er denke zur Finanzierung an Bildungsfonds, Sponsoring, Kulturstiftung der Sparkasse und einen kleinen Beitrag Hersbrucks – neben Sachleistungen und Manpower. Außerdem hofft Ilg, dass das Projekt freie Haushaltsmittel aus dem Kreis abstauben
kann: „Wir hatten uns im Kreistag verständigt, gewisse Ideen auch bei einem Aus für Nürnberg umzu­setzen, aber bislang kam nur aus Hersbruck ein Impuls.“
Um diesen Realität werden zu lassen, sei ein eigenes Projektmanagement nötig: ein Kuratorium für die Steuerung, eine Leitung, die Luise Treuheit mit unter­stützen wird, sowie eine 450-Euro-Kraft, die in der Geschäftsstelle ein Büro bekommen und für bessere Erreichbarkeit sorgen soll.
Über diese neuen, freien Stellen hofft Wrensch auch Mitglieder gewinnen zu können. „Wir als Verein stellen die Dokumentation bereit.“ Zudem werde aufgrund von Werbemitteln und vielen Buchungen ein eigener, jahres­über­grei­fender Haushalt gebraucht, den even­tuell eine Person betreut, der aber unter der Verantwortung des Kassiers laufe. „Das alles ist etwas, das die Arbeit des Vereins über­schreitet, weshalb wir dafür die Mehrheit der Mitglieder benö­tigen“, führte Wrensch aus. Und diese erhielt er mit 26:1 Stimmen bei drei Enthaltungen.
Vorsichtiges Vorgehen

Ebenfalls viel digi­talen Applaus bekam die Kontaktaufnahme zwischen Hersbruck und Oradoursur-Glane (HZ berichtete). Ilg fasste die Ereignisse für die Zuhörer zusammen und betonte dabei: „Das ist ein sehr frisches, sensibles Thema“, bei dem er keine Erwartungen schüren wolle. Er spüre zwar Offenheit seitens des dortigen Bürgermeisters, aber Zurückhaltung des fran­zö­si­schen Doku-Vereins. Diese könne man am besten mit Hilfe von persön­lichen Besuchen abbauen; sobald das wieder möglich sei, wolle man gemeinsam über­legen, wie man sich besser kennen­lernen könne, legte Ilg dar.

Das könne auch in eine Partnerschaft münden. Wobei: „Wir sind nicht auf der Suche nach möglichst vielen solcher Verbindungen“, stellte Ilg klar. Jedoch wurde die Anfrage von Oradour-sur-Glane von Stadtrat und ihm als „gewaltige und ehren­volle Sache“ empfunden, so dass es für die Freundschaftsanbahnung mit „bundes- und euro­pa­weiter Bedeutung“ breite Rückendeckung gebe. „Wir möchten damit den Frieden in Europa stärken.“ Gelingen könne das sowie der Aufbau einer inten­siven Beziehung durch einen Austausch über Sportclubs, Schulen oder Vereine. „Da soll der Doku-Verein dann auch einge­bunden werden.“ Die nächste Herausforderung wartet also viel­leicht schon.