Gedenkveranstaltung Schupf
8. November 2025, 14 Uhr
Um die Begrüßung gekürzte Rede von Dr. Timo Saalmann,
KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
Wir sind hier an einem Ort zusammengekommen, der in ganz besonderer Weise mit der Geschichte der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen verbunden ist. Und zwar ist dieser Ort in anderer Weise ein Ort des Terrors, als die Stätten und Ortsnamen, die direkt mit dem nationalsozialistischen Lagersystem verbunden sind, wie das Konzentrationslager in Flossenbürg, als eines der großen Hauptlager im nationalsozialistischen Deutschland. Oder auch das Außenlager Hersbruck, das hier nur stellvertretend für die rund 80 Außenlager steht, die zum KL Flossenbürg gehörten und ab 1942 in Bayern, Westsachsen sowie in Böhmen auf dem Gebiet des angegliederten Sudetenlandes und dem so genannten Protektorat Böhmen und Mähren errichtet wurden.
Wir stehen hier in einem Waldstück.
Diese Stelle im Wald in Schupf, in der Gemeinde Happurg, nahe der Stadt Hersbruck, im Landkreis Nürnberger Land, im bayerischen Regierungsbezirk Mittelfranken im Freistaat Bayern könnte man als idyllisch bezeichnen, wenn wir nicht wüssten, dass hier etwa 1.000 Personen unwürdig verbrannt wurden, nachdem sie von Deutschen erniedrigt, misshandelt, ausgehungert, gefoltert, zu harter Zwangsarbeit gezwungen wurden und letztlich elendig an dieser menschenverachtenden Behandlung starben.
Warum ist es mir wichtig auf diesen Widerspruch einzugehen? NS-Terror einerseits, Idylle andererseits?
Mir scheint es wichtig, auf diesen Zusammenhang, auf diesen paradoxen Zusammenhang wenn man so will, hinzuweisen. Der Raumbezug der nationalsozialistischen Herrschaft, die raumgreifende Ausdehnung des NS-Alltags sowie Durchsetzung eines Gewalt- und Herrschaftssystems, erfasste und betraf alle Lebensbereiche der Deutschen, praktisch jede noch so kleine Gemeinde wurde Teil des NS-System. Darauf weisen wir als Gedenkstätte immer wieder hin. Die NS-Herrschaft erfasste die Gesellschaft nahezu vollständig, überall in Deutschland hat sie Spuren hinterlassen, die mal mehr, mal weniger sichtbar sind.
Und um diese Spuren geht es mir. Die Verbrennungsstätte in Schupf – und das Pendant in Förrenbach – sind Orte, die für einen letzten Schritt in der Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus stehen, bereits zu Tode gebrachte KZ-Häftlinge wurde hier ein weiteres Mal ihre Würde genommen, indem sie achtlos entsorgt wurden und ohne Grab blieben. Es ging um komplette Auslöschung.
Die SS, die Deutschen, wollten so die Spuren ihrer Taten verwischen. Von rund 100.000 im Lagerkomplex Flossenbürg zwischen 1938 und 1945 registrierten Häftlingen, wurde etwa ein Drittel ermordet. Im Außenlager Hersbruck, das im Sommer 1944 entsteht, befanden sich näherungsweise 9.000 Häftlinge. Sie kamen aus Polen, aus Ungarn, der Sowjetunion sowie den besetzten Ländern Süd- und Westeuropas, vor allem Italiener und Franzosen werden in Hersbruck inhaftiert. Sowohl im Hauptlager, in das viele der entkräfteten Häftlinge zurücktransportiert wurden, und dann dort starben, als auch in anderen Außenlagern wurde ähnlich verfahren: Der würdelosen Verbrennung folgte die ebenso würdelose Entsorgung der Asche. Die wenigsten Häftlinge haben daher namentlich gekennzeichnete Gräber.
Das Verwischen der Spuren und das Auslöschen der Erinnerung an Personen gingen miteinander einher.
Daher sind mir diese Spuren an den Verbrennungsstätten so wichtig. Die Orte der Verbrennungen sind eben nicht dem Vergessen überlassen worden, wie Ihre Anwesenheit hier und die seit über zwanzig Jahren stattfinden Gedenkveranstaltungen zeigen. Es sind Mahnmale errichten worden, die selbst wieder eine Geschichte bekommen haben. Das symbolische große Urnengrab, 1950 u.a. vom Präsidenten des Bayerischen Landesentschädigungsamtes, Dr. Philipp Auerbach, und dem damaligen Landrat eingeweiht, zeugt davon. Es markiert den authentischen Ort der Verbrennungen und ist zu einem Erinnerungsort geworden.
Sicherlich; ein Wermutstropfen bleibt. So wie die Deutschen die Verbrennungen geheim halten wollten, findet diese Veranstaltung auch abgelegen statt. Gleichwohl wird sie medial verbreitet werden und andere, die heute nicht hier sind, erinnern.
Der Mensch hinterlässt Spuren, damit andere Menschen, die Nachgeborenen; sich an ihn erinnern. Wir als Gedenkstätte und Sie als Akteure der Erinnerung tun dies stellvertretend für diejenigen, die nicht oder nur unvollkommen Erinnerung an sich schaffen konnten. Wir springen dafür ein, sind in Kontakt mit den Familien der ehemaligen Häftlinge, der Ermordeten wie der Überlebenden, und halten die Erinnerung an sie wach.
Es ist immer wieder vom Abschied von den Zeitzeugen die Rede. Es ist richtig, dass uns diese Stimmen fehlen werden; die Tatsache, dass ihre Berichte zu Quellen werden würden, ist aber nicht erst seit Kurzem, sondern bereits seit Langem bekannt. Es sind viele weitere Interviews geführt worden, in denen die Überlebenden berichtet haben und die als Zeugnis und als Quelle für unsere wissenschaftliche Arbeit dienen. Diese Interviews sind nichtmaterielle Erinnerungen an das Leid der Verfolgten im Nationalsozialismus. Als Spuren sind sie nicht physisch greifbar.
Greifbar, und zwar weil sie materiell sind, sind die authentischen Orte der Verbrechen und die Mahnmale, die an ihnen errichtet wurden. Der beklagte Abschied von den Zeitzeugen bedeutet, nun 80 Jahre nach der Befreiung der KZ, 40 Jahre nach der epochemachenden Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, lediglich dass wir in eine neue Phase der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen eintreten. Zusätzlich zu dem, was wir aus schriftlichen Quellen wissen, und dem was uns die Zeitzeugen erzählt haben und an Erinnerungsberichten und künstlerischen Zeugnissen hinterlassen haben, richten wir unsere Aufmerksamkeit künftig mehr auf die noch erhaltenden Objekte der Sachkultur. Die Orte der Verfolgung selbst sind nur in geringem Maße archäologisch untersucht. Ausgrabungen haben, wie in Hersbruck und in Pocking bei Passau, in den vergangenen Jahren stattgefunden, die uns neues und neuartiges Material liefern. Diese neuen Quellen auszuwerten und als Objekte zu erhalten und zu zeigen, ist unsere Aufgabe.
Damit schließe ich einen Bogen und komme auf Sie, die Akteure vor Ort, zurück. Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen funktioniert hauptsächlich vor Ort. Für Ihr Engagement vor Ort, das in der momentanen Stimmung und angesichts der antidemokratischen Bedrohungen nicht leicht ist und Mut erfordert, möchte ich Ihnen danken.
Als Gedenkstätte werden wir auch künftig Gedenkinitiativen vor Ort beraten und unterstützen. Außentafeln, wie Sie sie auch hier sehen, werden im kommenden Jahr an weiteren Außenlagerstandorten des KL Flossenbürg entstehen und Orte des Terrors vor der eigenen Haustür sichtbar machen. Und nicht zuletzt können wir 2026 ein Projekt beginnen, das den Dokumentationsort Hersbruck grundlegend überholen und aufwerten wird.