Wort zum Anlass von Dekan Tobias Schäfer
Gedenkfeier in Schupf am 8. November 2025, 14 Uhr.
Sehr verehrte Damen und Herren, aus Politik und Gesellschaft, sehr geehrter Herr Plobner, sehr geehrter Herr Dr. Saalmann,
Am 9. November 1938 begann, was vor rund 81 Jahren dann auch in Hersbruck und in den Doggerstollen zu unmenschlichen Grausamkeiten führte, hier in Schupf sichtbar vor Augen geführt in dem Denkmal mit der Asche der zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter.
In Vorbereitung auf diesen Tag heute und beim Hineinlesen in das, was damals nicht nur am 9. November eskalierte, sondern auch über das, was dazu führte, dass es so eskalieren konnte und sich die Gewalt gegen Juden zuerst und dann gegen alles, was nicht in ein gesundes, arisches deutsches Volk zu passen schien, so offen Bahn brechen konnte, da wurde mir wieder mal bewusst, wie schleichend und doch auch ganz bewusst auf diese Eskalation politisch hingearbeitet wurde.
Umso mehr erschrickt es mich heute nicht nur in Deutschland insbesondere bei den rechtsextremen Parteien und Bündnissen, sondern auch in anderen europäischen Ländern und insbesondere aktuell auch in den USA mit ansehen zu müssen, wie sehr durch Hetze und neue Feindbilder gegen ganze Bevölkerungsgruppen gearbeitet wird, Menschen sich nicht mehr sicher fühlen können, weil sie Juden sind, Queer oder einfach nur irgendwie anders aussehen.
Schon damals vor über 80 Jahren hat letztlich ein ganzes Land dabei versagt, diesen Menschenhass zu verhindern.
Und auch heute nehme ich bestürzt wahr, wie schwer sich unsere Zivilgesellschaft, unsere Politik, Presse und ja auch meine Kirche darin tut, gegen das Wiedererstarken menschenverachtender und antidemokratischer Kräfte anzugehen.
Zu gut organisiert, zu raffiniert, zu clever scheinen die Antidemokraten vorzugehen.
Wie schon einmal vor über 80 Jahren…
Die Gefahren, dass sich so etwas wiederholt, dass sich Menschenmassen, dass sich ein ganzes Volk nicht mehr gegen die ideologisch verbrämten Machtinteressen weniger Verführer durchsetzen kann, sind auch heute gegeben.
Und es ist erschreckend, wie sich ultrakonservative christliche Gemeinden und Gruppen dieser Bewegung anschließen und der Spaltung und der Gewalt gegen Menschen Vorschub leisten und hierfür eine religiöse Begründung liefern.
Doch schon im Buch der Sprüche im Alten Testament heißt es:
Der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist.
Errette, die man zum Tode schleppt, und entzieh dich nicht denen, die zur Schlachtbank wanken.
Sprichst Du: „Siehe, wir haben‘s nicht gewusst!“, fürwahr, der die Herzen prüft, merkt es und der auf deine Seele achthat, weiß es und vergilt dem Menschen nach seinem Tun.
Siehe, wir haben‘s nicht gewusst!?
Nein. Die Zeichen der Zeit sind zu offensichtlich, als dass wir es nicht wissen würden, welcher Gefahr unsere Demokratie und unsere Gesellschaft gerade ausgesetzt sind.
Wir leben 87 Jahre nach den Novemberpogromen wieder in einem Land, in dem jüdische Menschen und Menschen anderer Kulturen und Ethnien Angst um ihr Leben haben, weil sie angeblich nicht in das Stadtbild passen.
Die anhaltende Debatte über die Wortwahl unseres Kanzlers und was er damit gemeint haben könnte, zeigt, wie nervös und angespannt die politische Lage ist.
Umso mehr müssen wir auf unsere Worte achten, um nicht den Faschisten verbal eine niedrige Brücke zu bauen in die Mitte der Gesellschaft hinein. Denn sie wissen unsere Schwäche für sich zu nutzen und sind clever im Marketing für ihre demokratiezersetzenden Eigeninteressen.
Werte Damen und Herren,
der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist.
Errette, die man zum Tode schleppt, und entzieh dich nicht denen, die zur Schlachtbank wanken.
Der Gedenktag der Novemberpogrome morgen und unser Gedenken heute hier in Schupf erinnert uns daran, welche Verantwortung wir für unsere Mitmenschen, für unsere Nächsten, tragen. Er erinnert uns daran, dass unsere kulturellen und religiösen Wurzeln, Demokratie, Humanismus und Christentum, weniger stabil sind, als wir annehmen.
Sie wollen und müssen gepflegt werden, erstritten und verteidigt werden, damit das, was aus ihnen zum Wohl unseres Landes erwächst, auch reichlich und gute Früchte trägt und niemand mehr in unserem Land Angst vor Verfolgung und Tod haben muss.
So lasst uns der Opfer gedenken, unsere Verantwortung erinnern, und wachsam sein.
Denn, „Siehe, wir haben‘s nicht gewusst“, kann keiner mehr behaupten.
Lasst uns beten:
Fürbitte (verteilt gelesen)
Wir gedenken der Opfer des Nationalsozialismus und vertrauen der Tröstung und Gerechtigkeit Gottes an:
Die ermordeten Kinder, Frauen und Männer des jüdischen Volkes – Stille
Die ermordeten Angehörigen der Roma und Sinti – Stille
Die ermordeten Angehörigen der europäischen Völker – Stille
K: Herr, erbarme dich ihrer. A: Herr, Erbarme dich ihrer
Wir gedenken der ermordeten psychisch und physisch behinderten Menschen – Stille
Der ermordeten Künstler, Intellektuellen und Politiker – Stille
Der ermordeten Ordensleute, Pfarrer und Glieder der christlichen Kirchen – Stille
K: Herr, erbarme dich ihrer. A: Herr, Erbarme dich ihrer
Wir gedenken der ermordeten Angehörigen der Widerstandsbewegungen – Stille
Der Überlebenden der Shoa, die ihre Heimat und ihre Familien verloren haben. – Stille
Der überlebendenden Zwangsarbeiter, die ihrer Jugend und Lebenskraft beraubt wurden – Stille
K: Herr, erbarme dich ihrer. A: Herr, Erbarme dich ihrer
Herr, Du kennst die Schreie der Gefolterten von einst und jetzt.
Du bist den Leidenden, Verfolgten und Unterdrückten aller Zeit nahe.
Wecke in uns immer wieder neu die Erinnerung an die Opfer unserer Geschichte und gib uns die Kraft, dem Fremdenhass und der Menschenverachtung unserer Tage zu wehren.