Dokumentationsstätte KZ Hersbruck

Vittore Bocchetta

Nachruf
zum Tod von Vittore Bocchetta, 102 Jahre

Die Fragen, die sich aus der nahen Vergangenheit ergeben, sind noch nicht beant­wortet, sie lasten auf uns mit bestän­digem Druck:

Die Entmenschlichung des Menschen, die sich so bedrü­ckend in meinem Monument „Ohne Namen“ zeigt, was soll sie ausdrücken? Nur die Erinnerung an ein längst vergan­genes Übel? Oder nicht vielmehr eine höchst ernste Warnung für die Zukunft, vor dem, wozu der Mensch in Zukunft in der Lage ist?
(Vittore Bocchetta am 27. Januar 2015, über­setzt aus dem Italienischen)

Wir alle haben Prof. Vittore Bocchetta in seinem zweiten Leben kennen­ge­lernt. Sein erstes endete im KZ Hersbruck 1944, als ihm erst seine Brille und dann noch die Pantinen geklaut wurden. Das war das Ende, „finire finisco“ wird er später im Interview als Zeitzeuge sagen. Er hatte keine Angst mehr vor dem Tod. 

Vittore wurde am 15. November 1918 in Sassari auf Sardinien als Sohn eines italie­ni­schen Offiziers geboren. Er besuchte in Bologna die Volksschule und das Gymnasium und lebte ab 1932 in Verona im faschis­ti­schen Italien des „Duce“ Mussolini. Er war jung und lebens­lustig, gebildet und frei­heits­liebend, er hatte Freunde im Widerstand und geriet in Konflikt mit der faschis­ti­schen Uniformisierung des Lebens und den Machtansprüchen faschis­ti­scher Zeitgenossen.

Ich bin 22. Ich habe immer Hunger, und das was ich erwische, reicht nie aus. Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht als Antifaschist fühle. Den Ausweis des faschis­ti­schen Jugendverbandes habe ich nicht, weil mich das Anderssein bei den Mädchen inter­es­santer macht. Ich habe ihn vor allem deshalb nicht, weil ich einfach nicht das Geld hatte um den Beitrag zu bezahlen. Und so habe ich nicht bezahlt und mich geschämt, es zuzugeben.“(1)

Er hat Prinzipien, lehnt Gewalt ab, und gelangt in den Kreis der Veroneser Widerstandskämpfer im Umfeld von Francesco Viviani und Egidio Meneghetti. Er erlebt staat­liche Willkür und die Machtlosigkeit junger Menschen.

 

„Freunde finde ich auf den Straßen wenige. Ich habe jedoch viele und gute im Untergrund meiner Stadt gewonnen. Die offi­zielle Repression wird immer gewalt­tä­tiger und erfolg­reicher. Überall wird besetzt, beschlag­nahmt, gekündigt. Jede Bande brüstet sich ihrer Isolierzellen, ihrer „trau­rigen Villen“, ihrer Sicherheitszellen und ihrer Geständnisbüros. Es gibt keine Kopfschmerzen, die mich daran hindern zu denken. Ich bin kein Neuling mehr bin in der schmalen Reihe der Verschworenen, ein voll­wer­tiger Anhänger der Utopie der Freiheit. Ich exis­tiere für den Wunsch nach dem Ende des Krieges, für einen Traum vom Frieden.“(2) Aber ich schließe mich keiner poli­ti­schen Partei an. Ich bleibe ein Unabhängiger und werde, sechster unter so viel Weisheit (der Widerstandsgruppe), Teil eines verhäng­nis­vollen Spiels bei dem nur ich über­leben werde.3 Wir haben nur eine einzige Mission: Die Pein der Situation zu mini­mieren und Verona auf die Grundlagen einer neuen Res Publica (öffent­lichen, hier demo­kra­ti­schen Ordnung) vorzubereiten.“

Am 9. September 1943, nach dem Sturz Mussolinis wird Verona durch die deutsche Wehrmacht besetzt. Bocchetta befreit gemeinsam mit Freunden  mehr als 900 gefangene italie­nische Soldaten vor der Deportation zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Er wird zwei Mal verhaftet und wieder frei gelassen. Als Mitglied des Nationalen Befreiungskomitees N.L.C. von Verona wird er am 4. Juli 1944 mit Butturini, DeAmbrogi, Domaschi, Viviani, Bravo und Zenorini verhaftet und im LKW nach Bozen gebracht und von dort aus nach Deutschland verschleppt. Nur Bocchetta und Zenorini über­leben das
Konzentrationslager Flossenbürg und sein Außenlager Hersbruck. Im April 1945 gelingt ihm die Flucht aus einem Evakuierungsmarsch des KZ Hersbruck, zufällig findet er Aufnahme in einem Lager für englische Kriegsgefangene und wird mit ihnen von der US-Armee befreit. 

Im zweiten Leben kehrt er nach Italien zurück, enga­giert sich für den Aufbau einer neuen Ordnung. Wieder wehrt er sich der gegen Ungerechtigkeiten, vor allem in der Tageszeitung L’Arena, was zu publi­zis­ti­schen und auch gewalt­tä­tigen Angriffen auf ihn führt. 1948 führt er Regie bei der Aufführung eines Passionsdramas im Teatro Romano in Verona.

Dann reist er als Auslandskorrespondent der Veroneser Tageszeitung L‘Arena nach Argentinien aus. Er erhält 1952 den Preis der Akademie der bildenden Künste von Buenos Aires für das Denkmalsprojekt „Für die Mutter”. Über Venezuela siedelt er 1958 nach Chicago, wo er als freier Bildhauer arbeitet und am Lehrstuhl für spanische Sprache und Literatur am Saint Xavier College lehrt. Er muss auch noch den akade­mi­schen Abschluss an der Universität von Chicago ablegen, sein italie­ni­scher Abschluss wurde nicht aner­kannt.
1971 findet eine große Ausstellung seiner bild­haue­ri­schen Werke in Chicago statt. Er beendet seine Lehrtätigkeit. 1988 schenkt er der Stadt Verona einen sieben Meter hohen Obelisken zum Gedenken an seine sechs früheren Kampfgefährten auf dem Gelände des ehema­ligen Klosters S. Teresa di Scalzi, und 1989 ein Bronzedenkmal zur Erinnerung an einen Gefängnispfarrer, der inhaf­tierte Widerstandskämpfer betreute.

Im Oktober 1992 kehrt er nach Italien zurück. Er wird Mitglied in der Organisation ehema­liger Verfolgter und Deportierter, ANED, und arbeitet als Zeitzeuge vor allem in Schulen und mit der Jugend. Er schreibt „Aspirin für Hitler – Straffreiheit für I.G.Farben“, als akri­bisch geführten Nachweis, wie die entste­hende kapi­ta­lis­tische Wirtschaft im Bündnis mit dem Militär unter Hitler den zweiten Weltkrieg und die Entmenschlichung der Bevölkerung unter­stützt und bis heute davon profi­tiert. 2008 erscheint es von Detmolder Freunden gedruckt in Deutsch als Geschenk zum 90. Geburtstag. 

Noch möchte er unter keinen Umständen wieder an den Ort der Unterdrückung und Entmenschlichung, nach Flossenbürg und Hersbruck kommen. Erst 2001 beginnt er mit seiner Aufklärungsarbeit in Deutschland, eine deutsch-italie­nische Freundesgruppe in Detmold lädt ihn ein und er kommt nach Flossenbürg. Dort wird die deutsche Übersetzung seiner Erinnerungen „Jene fünf verdammten Jahre“ vorge­stellt und zum ersten Mal in Deutschland sein künst­le­ri­sches Werk. Im Verein „NON DIMENTICARE“ wird er Ehrenmitglied, Ausstellungen, Schüler- und Zeitzeugenprojekte in Detmold, Kassel, Lüdenscheid, Potsdam, Weimar und Wolfsburg folgen. 

 

Am 8. Mai 2007 kann endlich auf Vermittlung durch Bürgermeister W. Plattmeier in großer Öffentlichkeit die Skulptur „Ohne Namen“ in Hersbruck einge­weiht werden. Am Rand des Rosengartens wird sie zu einem bedeu­tenden Ort der Erinnerung und Besinnung. Sie mahnt eindrücklich vor der Entmenschlichung, verur­sacht von Menschen, und behält verborgen einen Rest von Hoffnung auf Menschlichkeit unter unwür­digsten Bedingungen. Die Ausstellung „Rückkehr“ mit Gemälden und Skulpturen in Nürnberg, Hersbruck und Regensburg von Januar 2011, 2012 und 2013 machen Bocchetta in Süddeutschland bekannt. Er kommt mehrmals zu Zeitzeugengesprächen in Hersbrucker Schulen auf Einladung des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck. Wir erwerben Kunstwerke für Hersbruck, das Gemälde „Consumati (Consumed)“ von 2007 findet seinen Platz in der Aula der Johannes-Scharrer-Realschule, die Skulptur „Incubo (Nightmare)“ von 1970 in der Aula des Paul-Pfinzing-Gymnasiums. Im Stadthaus begrüßt eine zier­liche „Venus“ (1963) die Gäste des Notariats. Im Januar 2016 ist er bei der Eröffnung der DokuOrte Hersbruck und Happurg im Rahmen der Gedenkfeier des Bayerischen Landtags in Hersbruck dabei.

Reisefähigkeit und körper­liche Gesundheit nehmen mit den Jahren ab, die Teilnahme am Zeitgeschehen und die kritische Urteilsfähigkeit beweist er in Telefonaten und kürzesten Mails über die Jahre. Zu seinem 100. Geburtstag erreicht seine Freunde in Hersbruck ein Geburtstagsvideo, das bei einer Ausstellung im Kunstmuseum gezeigt wird. Am 18. Februar 2021 erreicht uns die Nachricht durch seinen Neffen Alberto, dass er nach kurzem Krankenhausaufenthalt bei sich zuhause gestorben ist. Nun ist auch sein zweites Leben zu Ende. 

Eine ausführ­liche Lebensbeschreibung ist vorhanden in Peter Schön, HÄFTLINGSBUCH KZ Hersbruck, hrsg. Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V. 2019. Non dimen­ticare: Wir verlieren einen ernst­haften und humor­vollen Freund des Lebens und der Jugend, einen weit­sich­tigen Mahner vor Entmenschlichung und welt­weiter Ungerechtigkeit. Wir danken für seine Wahrhaftigkeit und Freundschaft. Wir werden nicht vergessen. 

Thomas Wrensch, Pfr., 1. Vorsitzender Dokumentationsstätte

Bocchettas Göttin der Liebe enthüllt

Im Hersbrucker Stadthaus zeigt jetzt eine Skulptur des früheren KZ-Häftlings die schöne Seite seiner Kunst

HERSBRUCK 15. November 2018 (Text: us) – Ein weiterer Termin im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Vittore Bocchetta (wir berich­teten), der 1944/45 Häftling im KZAußenlager Hersbruck gewesen ist, fand im Stadthaus statt. Dort wurde eine kleine Venusstatue enthüllt, die aus Privatbesitz gestiftet wurde und dauerhaft und für jeden vor dem Notarbüro im ersten Stock zu sehen sein wird.

Grazil, lang­beinig und ein bisschen verschämt: die Venusstatue aus Bronze hat wenig mit den Schreckensbildern zu tun, die Bocchettas Werke in den Augen der Betrachter oft prägen. Sie gehört in eine Reihe anmutig bewegter Frauengestalten und entstand 1963 in Chicago. Vittore Bocchetta war damals 45 Jahre alt. Das Ehepaar Ursula und Günther Stukenbrok aus Detmold waren die letzten Besitzer der ellen­hohen Skulptur. Beide wünschten sich, dass das Kunstwerk eine Aufstellung im öffent­lichen Raum finden solle, und zwar in der Stadt, in der der Künstler so gelitten hatte.

Bild: Statue ‘Venus’, 1963, von Vittore Bocchetta (Foto: U. Scharrer)

Der Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck und die Stadtverwaltung sorgten nun dafür, dass im Stadthaus am Schlossplatz wirklich jeder das anmutige Kunstwerk betrachten kann. Die Schreinerei Albatros hat den Sockel nach Maß geschreinert, die Familien Lassauer und Treuheit stellten die Verbindung zwischen Stiftern und Stadt her. Fast geschlossen waren die Stadträte und beide Bürgermeister vor Ort, um die kleine Göttin der Liebe und der Schönheit in Hersbruck zu begrüßen.

Thomas Wrensch vom Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck befand das Werk als typisch für Bocchetta, der auch in den schwersten Zeiten und in der Schilderung seiner Leidenszeit den Sinn für Humor und für Schönheit nie verloren habe. Mit der Venus besitze Hersbruck nun vier Werke Bocchettas im öffent­lichen Raum, zeigte sich Wrensch sehr zufrieden.

Bild: Enthüllung der Venus-Statue im Stadthaus durch Luise Treuheit. Bürgermeister Robert Ilg und Thomas Wrensch (Dokuverein) (Foto: U. Scharrer)

Bürgermeister Robert Ilg freute sich einmal mehr über das gute Verhältnis zu einer so „groß­ar­tigen Persönlichkeit“ wie Bocchetta, das sich im Laufe der Jahre entwi­ckelt habe, bevor er gemeinsam mit Thomas Wrensch und Luise Treuheit den zarten Schleier über der Skulptur lüpfte. Angemessen bewundert und von allen Seiten begut­achtet, dürfte auch Venus mit ihrem Empfang im Stadthaus zufrieden sein.

Bocchettas Gesandter, Sergio Mastrosimone aus Verona, über­reichte der Stadt als Geschenk zwei von Bocchetta im Eigenverlag veröf­fent­lichte Büchlein in italie­ni­scher Sprache: „Norimberga 1946“ und „Vittimi di Reato e di Giustizia“. Ebenso pünktlich zum Wiegenfest wurde Peter Schöns „Vittore Bocchetta — Leben und Werk“ von 2017 neu aufgelegt. Es ist beim Doku-Verein KZ Hersbruck und für die Dauer der Ausstellung auch im Kunstmuseum erhältlich.

Rede von Vittore Bocchetta am 25. Januar 2016, bei der Gedenkfeier des Bayerischen Landtags in Hersbruck anlässlich der Eröffnung des Dokumentationsorts Hersbruck Happurg

Bild: Vittore Bocchetta, aufge­nommen von Thomas Wrensch, Johannes-Scharrer-Realschule, 26.1.2016

Vor mehr als 70 Jahren befand sich da, wo nun das Monument „Ohne Namen“ steht, ein Sumpfgebiet, einge­zäunt mit Stacheldraht, welcher der Außenwelt den Blick in eine schreck­liche Tragödie verwehrte.
Real und dennoch unvorstellbar.

Ein geschlossene, absurde Welt, aber wahr und wirklich. Eine Welt, verborgen ausschließlich in der Erinnerung von den wenigen, die von uns überlebt haben. Dort wo sich dieses infer­na­lische Todestheater abspielte, ist heute eine fried­liche Siedlung mit Kinderspielplätzen, aber unter dieser sauberen Oberfläche bleibt unaus­löschlich
diese wahre unge­heu­er­liche Leidensgeschichte derje­nigen erhalten, die einmal mensch­liche Wesen waren.
Menschliche Wesen zu Millionen, denen man zuerst den Namen genommen und dann das Fleisch verbrannt hatte.

Übersetzung: Peter und Ingrid Schön, Hersbruck.

Drei Kunstwerke Bocchettas in Hersbruck zu besichtigen

Ohne Namen – Vittore Bocchetta

INCUBO – Vittore Bocchetta

Ehemaliger KZ-Häftling Vittore Bocchetta im Interview zu aktu­ellen Fragen

Worte mit Gewicht – Filmpremiere in Hersbruck:

Video-Interview mit Bocchetta

Hersbrucker Nachrichten, 16. November 2016

Hersbruck – „Es gibt kein besseres Geburtstagsgeschenk für Vittore Bocchetta als ihm zuzu­hören“, fand Thomas Wrensch, Vorsitzender des KZ-Dokuvereins. Und das tat das bunt gemischte Publikum in der Aula der Realschule gebannt und mucks­mäus­chen­still, als anlässlich des 98. Wiegenfestes des ehema­ligen Hersbrucker KZ-Häftlings das Video „Vittore Bocchetta im Interview zu aktu­ellen Fragen“ von Lukas Ott erstmal der Öffentlichkeit präsen­tiert wurde.

Nervös tigerte der Jungfilmer umher, prüfte die Technik und las seine Rede noch einmal durch. Kein Wunder, füllte sich die Aula seiner ehema­ligen Schule doch mit Kameraden wie Ehrengästen aus Stadt, Politik – wie Bürgermeister Robert Ilg und Landrat Armin Kroder – und Sozialwesen. Sie alle waren wegen Lukas Ott gekommen – zumindest auch wegen ihm.

Denn er rückte in seinem 17-minü­tigen Interview, das im Februar entstanden war, Vittore Bocchetta in den Mittelpunkt. Wrensch skiz­zierte in einfüh­renden Worten Leben und Leiden des „Siegers“ – so die Bedeutung seines Vornamens -, der an der damals noch nicht stehenden Realschule vorbei zum Doggerstollen nach Happurg getrieben wurde und das KZ-Dasein letztlich „besiegt“ hatte. Doch warum sollte man auf „diesen wachen Zeitgenossen“ bei Fragen, die alle betreffen, hören? „Weil er Erfahrungen hat, die wir nicht haben“, klärte Wrensch auf, „und damit es keine Wiederkehr von Menschenverachtung geben wird“.

Genau dieser Gedanke scheint der Antrieb für Ott gewesen zu sein. Sprachlich gewandt und perfekt vorbe­reitet gab er einen kleinen Einblick in seine Beweggründe für das Video: „Nationalismus, Brexit, rechter Populismus, Flüchtlingsströme – das sind nur ein paar Stichwörter.“ Auch die Konsumgesellschaft und das Auseinanderfallen Europas beschäf­tigen ihn, weshalb er sehr deut­liche Worte an Gleichaltrige, denen „Follower wich­tiger sind als Worte“, richtete: „Passt auf, dass ihr nicht zu einer Nummer werdet.“ Er rief alle dazu auf Europa besser kennen­zu­lernen und dieser Idee der Gemeinschaft zu stehen. All dies, fand Ott, lässt sich „von diesem außer­ge­wöhn­lichen Individuum lernen“. Damit sich die NS-Zeit nicht wieder­holen kann.

Individualität, die Bocchetta durch den Konsum bedroht sieht, Freiheit des Menschen und der Traum eines geeinten Europa, ja gar einer „Weltgemeinschaft aus Individuen“ waren denn auch die zentralen Themen im Video-Interview. Dieses kommt ohne Schnickschnack wie Musik, Intro oder Einblendungen aus. Sofort ist der Betrachter mitten im Gespräch von Ott und Bocchetta.

Die Macher um Ott vertrauen auf die Macht der Worte. Und in diese mischt sich jede Menge Pessimismus: Für Bocchetta , der selbst oft woanders lebte, beinhaltet die zu rasche Migration eine hohe Explosivität. Ob sich die NS-Zeit wiederholt, fragt Ott ihn. Nein, es wird etwas Neues geben, so der Ausblick des Italieners.

Er selbst hat den Film noch nicht gesehen. Denn ein erneuter Besuch in Hersbruck ist erst Ende Januar kommenden Jahres vorge­sehen. Dann werden Schüler des PPG das Kunstfenster der Sparkasse mit Nachbildungen und Interpretationen seiner Skulptur „Incubo“ (Alptraum, 1970) füllen.

Derzeit arbeiten die Gymnasiasten mit der Dauerleihgabe des KZ-Vereins, versuchen sich in Bocchettas Gefühle hinein­zu­ver­setzen und „eigene bild­ne­rische Antworten auf die Vorlage zu geben“, wie Lehrer Ulf Geer erläu­terte. Welche Worte der Jubilar dafür dann wohl finden Wird? Zuhören wird ihm jeden­falls sicher wieder jeder.

Text: ANDREA PITSCH

Drei Fragen an Lukas Ott

 

Lukas Ott ist ein junger Videojournalist, der Politikwissen in seiner Webserie „LateMAte“ auf You-Tube weitergibt. Er kümmert sich dabei um Text, Licht und Kamera, ein Kumpel mode­riert. Der ehemalige Hersbrucker Realschüler hat dafür und für sein Bocchetta-Video nun den Mittelfränkischen Realschulpreis in der Kategorie „Naturwissenschaften/Multimedia“ bekommen.

Wie bist du darauf gekommen, ein Interview mit Vittore Bocchetta zu filmen?

Lukas Ott: Das ist eine gute Frage. Ich inter­es­siere mich für Politik und Geschichte und wollte einen Zeitzeugen der NS-Zeit zu heutigen Problemen befragen. Es iging mir nicht darum, NS-Zeit darzu­stellen, sondern daraus Schlüsse zu ziehen. Erinnerung allein wird die Zukunft nicht verändern.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Zunächst musste ich meine Aufregung in den Griff bekommen. Ich stehe sonst immer hinter der Kamera. Das war also eine neue Rolle für mich. Die Verständigung war auch nicht einfach.

Jetzt hast du für deine Arbeit ja den Realschul-Oscar erhalten.

Das ist ein schönes Gefühl, weil der Preis zeigt, dass sich der Einsatz gelohnt hat und wert­ge­schätzt wird.

Interview: Andrea Pitsch

Lukas Ott im Gespräch mit Vittore Bocchetta

Bocchetta im Gespräch mit Schülern in der Joahnnes-Scharrer-Realschule Hersbruck Jan. 2015

Vittore Bocchetta

Lukas Ott