Dokumentationsstätte KZ Hersbruck

Häftlingsschicksale

Häftlingsschicksale

OLIVELLI, Teresio

Geb. 07. Januar 1916 in Bellaggio (Italien)
Gest. 17. Januar 1945 in Hersbruck

„Mit Olivelli steigt die Hoffnung, weiter exis­tieren zu können. Das bedeutet Hoffnung für die Ausgezehrtesten und Mut für die Pessimisten. Aber wenn alle so wären wie er, wäre ja nie-mand an diesem Ort! Terezio Olivelli ist ein Paradox: ein Versuch von Gerechtigkeit in die-sem außerhalb des Gesetzes stehenden Reichs.“

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OLIVELLI, Teresio

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Zeitstrahl

Erste Lebensphase 1916–1943

Am 7. Januar 1916 wurde Teresio Olivelli in Bellaggio am Comersee geboren. Seine Familie war wohl­habend und katho­lisch geprägt. Einige Jahre nach Olivellis Geburt zog diese in die Kleinstadt Zeme.
Olivelli besuchte das Liceo (Gymnasium) in der Stadt Vigevano und absol­vierte dort das Abitur. Im Wintersemester 1935 imma­tri­ku­lierte er sich am Univeritätskolleg Ghislieri in Pavia und studierte Rechtswissenschaften. 1938 promo­vierte er mit einer Arbeit über Verwaltungsrecht.
Olivellis Onkel mütter­li­cher­seits war ein hoher Geistlicher und hatte großen Einfluss auf ihn. Olivelli selbst hatte während seines Studiums Kontakt zu verschie­denen katho­li­schen Organisationen. 1936 konnte der Onkel Olivelli davon abhalten am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Francos teil­zu­nehmen.
Nach seinem Studium erhielt Olivelli eine Assistentenstelle an der Universität Turin am Lehrstuhl für Verwaltungsrecht. Er bekam, aufgrund heraus­ra­gender Begabung und einem hohen Arbeitspensum, bei den katho­li­schen Organisationen, an der Universität und bei den Faschisten Angebote und Einladungen zur Mitarbeit an Projekten, zu Kongressen und als Mit-glied von Prüfungskommissionen. Diese Fülle an Angebote konnte er nicht alle wahr­nehmen. In den Jahren 1939 und 1940 reiste er viel in Italien und im Ausland umher. Er war beispiels­weise in Berlin, Prag und Wien. Den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, welchen er zunächst guthieß, erlebte er bei seinem zweiten Besuch in der deut­schen Hauptstadt. Olivelli veröf­fent­lichte jour­na­lis­tische Artikel und wissen­schaft­liche Aufsätze dazu. In einer Disputation 1939, woraufhin er den Preis „Littoriali“ der Universität Triest gewonnen hatte, traf er folgende Aussage: „Die Idee eines recht­ver­stan­denen Rassismus kann durchaus mit der christ­lichen Religion harmo­nieren“ . Der Preis wurde in Rom von Mussolini über­reicht. In einer weiteren Schrift 1940 zeigt er sich als Faschist: „Der faschis­tische Rassismus ist die geistige Rassentheorie einer biolo­gi­schen Gegebenheit“.
Olivelli absol­vierte den Pflichtwehrdienst bei den Alpini (Gebirgsjäger) und wurde zum Ende seines Dienstes hin Leutnant. In dieser Zeit lernte er gut Deutsch und nimmt als Repräsentant von faschis­ti­schen Organisationen an verschie­denen deutsch-italie­ni­schen Veranstaltungen teil. Im Frühjahr 1941 meldete er sich frei­willig zum erneuten Dienst bei den Alpini. Sein Artillerie-Regiment Nr.13 wurde im Sommer 1942 an die Ostfront verlegt und kämpft in Schlachten am Don. Bei der Belagerung Stalingrads ist dieses Regiment eben­falls einge­setzt. 1943 setzt sich Olivellis Einheit nach Westen ab. Nach seiner Rückkehr von der Front hegt Olivelli keine Begeisterung mehr für den Faschismus.
Im Alter von 27 Jahren wird er in Pavia zum Direktor des Kollegs Ghislieri bestellt.
Wegen der ange­spannten poli­ti­schen Lage wird Olivelli im Sommer 1943 wieder zum Militärdienst in das zweite Artillerieregiment der Alpini in Sterzing einbe­rufen. Er wurde zum Capitano befördert. Als die Deutschen Norditalien besetzten, entwaff­neten sie die meisten italie­ni­schen Einheiten, darunter auch die von Olivelli.

Zweite Lebensphase – Verhaftung und KZ Flossenbürg 1943–1944

Olivellis Einheit kam in Gefangenschaft und in ein Lager in Südtirol. Von dort sollten die jungen Männer als Zwangsarbeiter nach Deutschland geschickt werden. Nach einigen vergeb­lichen Versuchen aus dem Lager zu fliehen, entkam Olivellli und tauchte in Udine im Friaul unter. Er ging nach Bresica und nahm Kontakt zu der katho­li­schen Partisanengruppe „Brigate Fiamme Verdi“ auf. Olivelli bekam den Auftrag, Kontakt zu anderen Widerstandsgruppen aufzu­nehmen. Darunter befand sich das CLN (Comitato di Liberazione Nazionale). Im März 1944 gründete er mit einigen Kameraden die Untergrundzeitung „Il Ribelle“ in Mailand, worin er sein Konzept des Kampfes gegen den Faschismus formu­lierte und auch sein „Gebet des Rebellen“ verfasste.
Am 27. April 1944 wird Olivelli zusammen mit seinem Kameraden Carlo Bianchi in Mailand verhaftet. Sie werden von der Sicherheitspolizei in das Gefängnis „San Vittore“ gebracht und gefoltert. Im Juni kommen die beiden in das Lager Fossoli bei Carpri. Der Grund für die Verhaftung war seine Gegnerschaft zum faschis­ti­schen Regime und seine Mithilfe bei der Flucht verfolgter Juden. Im Juli 1944 sollten Olivelli und 69 weitere Antifaschisten erschossen werden. Olivelli gelang es im Lager unter­zu­tauchen und der Erschießung zu entgehen. Er blieb einige Wochen versteckt, bis er entdeckt und daraufhin verprügelt und in das Sammellager Gries bei Bozen geschickt wurde.
Am 5. September 1944 ging ein Transport mit Häftlingen von Bozen in Richtung Nor-den und kam zwei Tage später in Flossenbürg an. Dort blieben Olivelli und die anderen Häftlinge drei Wochen in Quarantäne. Am 30. September 1944 wird Olivelli zusammen mit weiteren Häftlingen, unter anderem Vittore Bocchetta, in das KZ Außenlager Hersbruck überstellt.

Zweite Lebensphase – Konzentrationsaußenlager Hersbruck und Todesmarsch 1944–1945

Von dort schrieb Olivelli am 8. Oktober an seine Eltern:

„Mama und Papa, ich befinde mich hier in einem Arbeitslager, und ich bin hier wie immer gesund und munter“.

Die unmensch­lichen Bedingungen im Lager ließ er uner­wähnt. Er wollte seine Eltern nicht beun­ru­higen, aber auch der Zensur nicht zum Opfer fallen.
Aufgrund von Olivellis Deutschkenntnisse und seines ehema­ligen Amtes als Offizier wird er in Hersbruck zum Barackenältesten gemacht. In seiner Baracke gab es keine Ungerechtigkeiten oder Gewalttaten mehr. „Mit Olivelli steigt die Hoffnung, weiter exis­tieren zu können. Das bedeutet Hoffnung für die Ausgezehrtesten und Mut für die Pessimisten. Aber wenn alle so wären wie er, wäre ja niemand an diesem Ort! Teresio Olivelli ist ein Paradox: ein Versuch von Gerechtigkeit in diesem außerhalb des Gesetzes stehenden Reichs.“ Die Lagerleitung bemerkte jedoch, dass Olivelli seine Untergebenen zu gut behan­delte, woraufhin er bereits nach einigen Wochen abge­setzt wurde. Obwohl er nicht mehr Barackenältester war, stand er seinen Kameraden weiterhin mit mensch­lichem Verständnis und prak­ti­scher Hilfe zur Seite. Anfang Januar 1945 schütze er einen Kameraden vor den Schlägen eines blind­wü­tigen Kapos, welcher daraufhin Olivelli verprü­gelte und mit den Stiefeln in den Bauch trat. Er wurde ohnmächtig. Seine Kameraden brachten ihn in die Krankenbaracke gebracht. „Nicht einmal Olivelli, der von allen geliebte, der wegen seiner Deutschkenntnisse am besten geeignet ist, nicht einmal Olivelli scheint es zu schaffen. Nur wer aufgehört hat, Mensch zu sein, kann in dieser Schar von Verdammten übeleben!“ Am 17. Januar 1945 stirbt Olivelli im Krankenrevier. 

Postum

Teresio Olivelli bekam postum vom italie­ni­schen Staat die „Medalia d´oro al valor militare“ (Medaille in Gold für mili­tä­rische Tapferkeit) verliehen. In der Urkunde heißt es, er sei ein heraus­ra­gendes Beispiel für Zuverlässigkeit, Menschlichkeit und Hingabe an das Vaterland gewesen.
In der römisch-katho­li­schen Kirche wurde 1996 ein Verfahren zu seiner Seligsprechung einge­leitet.
2003 wurde in der katho­li­schen Pfarrkirsche „Unsere liebe Frau“ in Hersbruck, zu seinen Ehren eine Bronzeplakette ange­bracht.
2016, zu Olivellis 100. Geburtstag, brachte die italie­nische Post eine Sonderbriefmarke mit seinem Porträt als Capitano der Alpini heraus.
Am 27. Januar 2017 kam eine Gruppe von 40 italie­ni­schen Schülerinnen und Schülern im Alter von 16 und 17 Jahren aus dem Liceo von Vigevano nach Hersbruck und nahm an der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus teil.
Am 3. Februar 2018 wurde Teresio Olivelli in der Sportarena von Vigevano von der römisch-katho­li­schen Kirche selig­ge­sprochen. An dieser Seligsprechung nahmen eine Vertretung der Bürgerschaft von Hersbruck mit dem Bürgermeister, Robert Ilg, eine Vertretung der katho­li­schen Pfarrei mit dem ehema­ligen Stadtpfarrer Helmut Spindler, sowie Willhelm Henke als Vertreter des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck teil.
Am 6. Oktober 2018 wurde in Hersbruck ein Caritas-Tageshospiz eröffnet. Zu Ehren von Olivelli wurde eine stei­nerne Tafel mit seinem Portrait ange­bracht. Das Hospiz trägt den Namen Teresio Olivelli-Haus.

Quellen- und Literaturverzeichnis OLIVELLI, Teresio
Primärliteratur
Bocchetta, Vittore: Jene fünf verdammten Jahre. Aus Verona in die Konzentrationslager Flossenbürg und Hersbruck. Hg. von Andreas Ruppert/Jörg Skriebeleit. Lage 2003.

Sekundärliteratur
Schön, Peter: Häftlingsbuch. KZ Hersbruck. Hg. v. Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V. Hersbruck: 2019.
Texte über Teresio Olivelli. In: Archiv Dokumentationsstätte Konzentrationslager Hersbruck e.V. Häftlingsschicksale. Olivelli, Teresio.

Internetquellen
Dokumentationsstätte Konzentrationslager Hersbruck e.V.: Geschichtliches. KZ Hersbruck. Die Opfer. Teresio Olivelli. URL: https://www.kz-hersbruck-info.de/die-opfer/teresio-olivelli-jan-1945/ [28.06.2022].

Bildquellen
Archiv Dokumentationsstätte Konzentrationslager Hersbruck e.V. Häftlingsschicksale. Olivelli, Teresio.

Fotos Teresio Olivelli